Geschichte, Stämme, Verbreitung, Religion und Stammesordnung der Indianer

Die Indianer – Ureinwohner Nordamerikas

Christoph Kolumbus entdeckte Amerika für die europäische Welt, doch die Geschichte des Kontinents begann weit vor seiner Zeit, denn die Besiedlung der „Neuen Welt“ durch die Ureinwohner Amerikas – die heute als „Native Americans“ oder „Indianer“ bekannt sind – reicht etwa 16.000 Jahre in die Vergangenheit zurück, wobei die ältesten menschlichen Überreste etwa 10.675 ± 95 Jahre alt sind: die sogenannte Buhl-Frau aus dem heutigen Bundesstaat Idaho, das Skelett einer Frau, erzählt von dieser Zeit.
Jene ersten Menschen in Amerika mussten sich mit den unterschiedlichen landschaftlichen Gegebenheiten des Kontinents auseinandersetzen, was sehr unterschiedliche Lebensweisen förderte. Daher gibt es „den“ Indianer nicht; allein in Nordamerika gab es mindestens dreihundert verschiedene Stämme, in Südamerika kamen noch einmal etwa einhundertundzwanzig hinzu, die sich allesamt zwischen West- und Ostküste, zwischen Alaska und Südamerika verteilten. Jeder Stamm – manche überschnitten sich freilich – verfügte über eine individuelle Sprache und Kultur sowie eigene Bräuche.
Für eine grobe Einschätzung der Unterschiedlichkeit der Indianerkulturen genügt eine Einteilung in vier große Gruppen: (a) die Indianer der Nordwestküste, (b) die der nordamerikanischen Prärie, (c) die des Nordostens- und Südwestens und (d) die der Hochebene des Südwestens.

Die Indianer der Nordwestküste – Leben in Eiseskälte

Indianer ( Kopf mit Federn )Zu den Stämmen des Nordens zählen die Tlingit, die Haida und die Chinook. Die Menschen, die in der kalten Region zwischen Gletschern und Fjorden ihre Heimat suchten, waren auf Fisch- und Walfang und die Robbenjagd angewiesen, die in den kalten Sommern über ihr Überleben entschied.
In den noch kälteren Wintermonaten erschufen die Stämme dagegen eine reiche Kultur, die sich heute durch kunstvolle Totempfähle und Holzmasken offenbart.
Die Tlingit verfügten über ein Zweiklassensystem: Jedes Neugeborene wurde gemäß seiner Mutter dem Raben oder dem Wolf zugeordnet. Die sogenannten Moieties, die Klassen, durften lediglich untereinander heiraten und waren ihr Leben lang daran gebunden.
Der Stamm der Chinook war mit der Etablierung des sogenannten Chinook Wawa im 19. Jahrhundert äußerst erfolgreich beim Handel mit den europäischen Einwanderern. Bei jener Sprache wurden Elemente des Englischen, Französischen und Russischen mit der indianischen Sprache vermischt, was sie zu einer hervorragend geeigneten Handelssprache machte.
Gegen die Einschleppung von Krankheiten seitens der Europäer war der Stamm jedoch nicht gewappnet, was zu ihrem Aussterben führte.
Die Indianer der Küste sind zudem bekannt für das sogenannte Potlach. Dabei handelt es sich um ein Fest, bei dem mitunter die gesamte Habe des Gastgebers verschenkt wurde – was zu dessen Armut führte. Dieses Fest ist im Sinne der indianischen Gastfreundschaft einzigartig.

Die Indianer in der nordamerikanischen Prärie – Heimat des „klassischen“ Indianerbildes

Die Heimat des Prärieindianers ist die sonnige und windige Steppe. Es ist diese Region, die den „klassischen“ Indianer der Wildwestfilme förderte, der mit Federschmuck auf dem Pferde reitend die Bisonherde jagt, denn in der Tat lebt der Indianer jener Region von der Bisonjagd, deren Fleisch ihr Hauptnahrungsmittel darstellt, während Fell und Leder für Kleidung, die Knochen für Werkzeuge und die Hörner, Darm und Blase als Gefäße verwendet wurden.
Doch erst im 18. Jahrhundert wurde für die Jagd das Pferd verwendet, denn zuvor war das Reittier den Indianern völlig unbekannt. Erst die Europäer brachten es nach Amerika und ermöglichten somit den Indianern eine weitaus effizientere Bisonjagd. Aus dieser Zeit, in der über dreißig Indianerstämme die Ebene zwischen den Rocky Mountains und dem Mississippi-Missouri-Tal bevölkerten, stammen die populären Namen der Stämme Blackfeet, Cheyenne oder Sioux, die in ihren mobilen Tipis lebten – spitz zulaufenden Zelten aus einem kreisförmigen Stangengestell und einer Plane. Der Name stellt ein Kompositum der beiden Wörter Ti, „Haus“, und Pi, „benutzen“, aus der Sioux-Sprache dar und bedeutet „das Haus, das man benutzt“.
Während sich bei diesen Stämmen das Nomadenleben lange erhielt, eignete sich das Fruchtland um die Flüsse Mississippi und Missouri für eine Ackerbaukultur. Hier wurden Mais, Kürbis und Tabak angepflanzt.
Die Zeit der Prärieindianer endete mit der Ausrottung der Bisonherden durch die europäischen Einwanderer, die das Verwendungspotential des Bisons ebenfalls erkannten. Im 19. Jahrhundert waren die Prärieindianer entweder verhungert oder im Kampf mit dem Weißen Mann getötet worden.

Die Indianer im Nordosten und im Südwesten Nordamerikas – Reiche Kultur in den Urwäldern

Wälder und Sümpfe entlang der Küsten markieren das Land der sogenannten Waldland-Indianer. Die Ressourcen ihrer Umgebung, das Holz von Birken, Eschen, Eichen, Kastanien, Ulmen und Ahorn, verwendeten die Menschen für den Bau ihrer Langhäuser. Hier war die Lebensart der Indianer am vielfältigsten: Sie jagten, betrieben Fischfang auf dem Oberen See, dem Michigan-, Huron-, Erie- oder Ontariosee, oder bauten Mais, Kürbisse und Bohnen auf dem fruchtbaren Land an.
Aus diesen Regionen stammen die Irokesen, die Abnakin und die Delawaren, wobei die beiden letzteren in Varianten der sogenannten Algonkinsprache miteinander kommunizierten. Aus dieser Sprache stammen die Wörter, die in der Moderne eng mit der Kultur des Indianers verbunden sind: „Manitu“, die alles durchdringende Kraft, „Mokassin“, die weiche Schuhbekleidung der Indianer, oder „Squaw“, die indianische Frau.
Auch den Waldland-Indianern wurde ein schweres Schicksal zuteil: Der facettenreiche Wald wurde von den europäischen Siedlern zerstört, die Menschen von ihrem Land vertrieben. Überlebt haben die Irokesen, die im heutigen Staat New York ihre Heimat gefunden haben. Auch die Cherokee haben ihre Kultur bis in die heutige Zeit erhalten. Der Stamm, der sich dadurch auszeichnete, dass er den friedlichen Kontakt mit den europäischen Siedlern suchte, zählt heute als der größte Stamm der „Native Americans“ in Nordamerika.

Die Indianer in der Hochebene des Südwestens – Leben in kargen Weiten

Der Südwesten Amerikas beheimatete die Puebloindianer, zu denen die Hopi und Zuni zählen, und die Navajo. Die Puebloindianer bewohnten die Felshänge des Canyons mit Häusern aus Stein und Lehm in dieser heißen und trockenen Region. Dennoch waren die Menschen Ackerbauern, bewirtschafteten das karge Land und förderten eine rege Töpferkunst und feine Webarbeiten.
Die Navajo sind nach den Cherokee der zweitgrößte Indianerstamm Nordamerikas. Sich selbst bezeichnen die Navajo als „Diné“, was „Menschenvolk“ bedeutet. Ihre Ansiedlung in Amerika begann spät – erst im 12. bis 13. Jahrhundert besiedelten sie Arizona, Nex Mexico, Colorado und Utah. In diese Besiedlungszeit fällt auch das Auftauchen der Apachen.
Die Navajo waren ein mutiger Stamm von Kriegern, die als Nomaden von der Jagd lebten und Überfälle durchführten. Ihre Sesshaftigkeit zögerte der Stamm weit hinaus, doch zeichnete sich ihre Sesshaftwerdung durch die Errichtung der Hogans aus, achteckigen, mit Erde bedeckten Häusern, die sich als menschgeschaffene Hügel aus der Landschaft hervorhoben. Kaum sesshaft geworden, schafften sich die einstigen Jäger und Plünderer durch hervorragende Webarbeiten aus Schafwolle und silberne Schmuckstücke sehenswerte Kulturerzeugnisse.
Zu ihren kriegerischen Wurzeln kehrten die Navajo mit der Einwanderung des Europäers zurück. Sie leisteten großen Widerstand, der jedoch letzten Endes scheitern musste. Einigen Menschen gewährten die Europäer den friedlichen Abzug aus ihren Ländereien, doch wer blieb, musste sich auf den bekannt gewordenen „Langen Weg“ machten. 1868 ermöglichte ein Vertrag die Rückkehr der Navajos in ihr Heimatland. Seitdem lebt der Stamm noch heute in Amerika, ist jedoch geplagt von Armut und Arbeitslosigkeit. Ihre einstige Kultur verblasst.

Die Obersten des Stammes

Der Häuptling

Der Häuptling war der Anführer eines Indianerstammes und ein sich durch besondere Eigenschaften auszeichnendes Individuum. Nur Klugheit und Tapferkeit – unerlässliche Bedingungen für das Leben der Indianer – formten einen würdigen Häuptling, verbunden mit Redegewandtheit und Führungskraft. Da selten ein Mann alle Fähigkeiten und Kenntnisse in einer Person vereinte, war bei den nordamerikanischen Indianerstämmen die separate Ernennung eines Kriegs- und eines Friedenshäuptlings üblich.
Während der Friedenshäuptling sich um Streitigkeiten zwischen Stammesbrüdern kümmerte oder Verträge – auch mit den europäischen Siedlern – aushandelte, war der Kriegshäuptling vor die verantwortungsvolle Aufgabe gestellt, neben der Führung der Krieger in der Schlacht, Wachposten aufzustellen und Lagerplätze zu erkunden.
Ein Häuptling war stets nur für seinen Stamm verantwortlich – in einer Gemeinschaft mehrerer Stämme fand ein Gemeinschaftsrat statt. Erst aus dieser Runde konnten sogenannte Oberhäuptlinge gewählt werden. Ein solcher Oberhäuptling war Sitting Bull, der die Krieger der Sioux, Cheyenne und Arapahoes im Jahre 1876 in der Schlacht am Little Big Horn führte.
Bekannte Häuptlinge sind neben Sitting Bull beispielsweise: der Häuptling Black Kettle der Cheyenne, der den Frieden mit dem Weißen Mann suchte, Cochise, Häuptling der Apachen, der sich im Krieg bewährte, Quanah Parker, der acht Frauen und fünfundzwanzig Kinder besaß, oder Red Cloud, Häuptling der Sioux, der mit Diplomatie seinem Volk diente.

Der Medizinmann

Der Medizinmann war neben dem Häuptling die angesehenste Person seines Stammes. Wie der Name bereits vermuten lässt, war der Medizinmann oder Schamane verantwortlich für die Heilung der Kranken und die Behandlung der Wunden – eine außergewöhnliche Fähigkeit. Das dafür erforderliche Wissen wurde in vormodernen Kulturen nicht selten als geheim angesehen und wurde nur in engsten Kreisen weitergegeben. Der Medizinmann kannte die Wirksamkeit von unterschiedlichen Kräutern, fertigte Tinkturen, führte den Aderlass durch oder verabreichte Massagen. Zu dem Wissen, das ein Medizinmann besaß, gehörte auch das gesammelte Brauchtum des Stammes, das er als lebende Bibliothek in sich trug.
Damit nicht genug, war der Medizinmann eine Kontaktperson des Diesseits mit den übersinnlichen Welten, somit auch dem Jenseits. Magie, an deren Wirksamkeit bedingungslos geglaubt wurde, ließ der Medizinmann durch rituellen Tanz wirken, trat so in Kontakt mit guten und bösen Geistern und den Seelen Verstorbener. Ob er dabei unliebsame Geister vertrieb oder einen Verstorbenen um Hilfe bei der Heilung einer Krankheit bat, war ganz von dem Grund der Aufsuchung des Medizinmannes abhängig. In jedem Falle verfügte er über ein breites Spektrum an Fähigkeiten, zu dem auch das Vorhersagen und Regulieren des Wetters gehörte, und die er nicht selten durch den Gebrauch von Drogen unterstützte.

Das Wesen indianischen Denkens – Die Religion der Indianer

Die Indianer waren den Verhältnissen ihrer jeweiligen Region häufig schutzlos ausgeliefert. Ihr Leben war ein Kampf ums Überleben. Aus diesem alltäglichen Kampf resultierte eine religiöse Vorstellung, die hinter den Naturerscheinungen – Regen oder Gewitter – übernatürliche Kräfte, das Wirken von Geistern vermutete. Daher war es erforderlich, sich jenen Kräften gegenüber erkenntlich zu zeigen, so dass diese sich wiederum als gütig erweisen würden. Dies äußerte sich in der hohen Naturverbundenheit des Indianers, seiner Achtung vor dem Leben. Aber auch die Prominenz der Medizinmänner ist damit verbunden, denn nur sie allein konnten bewusst in Kontakt mit den übersinnlichen Welten treten.
So wie Blitz und Donner diejenigen Formen waren, in denen sich jene übersinnlichen Kräfte bemerkbar machten, waren auch Bäume, Steine und Flüsse mit einer Seele behaftet. Manitu oder „großer Geist“ nennen die Indianer die Lebenskraft aller Dinge, mit der sie ihr ganzes Leben lang in Verbindung bleiben wollen, um Kraft daraus zu schöpfen.

Zentral für das Leben eines Indianers war die Suche nach dem Schutzgeist, einem persönlichen Begleiter, beispielsweise in Gestalt eines Adlers oder Hundes, den der Mensch in seinen Träumen suchte – ebenfalls einer Kontaktstelle mit der Welt des Übersinnlichen. In diesen Träumen benannte der Schutzgeist auch diejenigen Dinge, die ihn in der realen Welt in seinem Namen schützen würden. Dies konnte ein Stein sein oder eine Feder. Gleich was es war, trug der Indianer es in seinem Medizinbeutel, einem Behältnis, das die Funktion eines Talismans erfüllte.

War der Mensch im Glauben der Indianer schon im Diesseits mit einer übersinnlichen Welt verbunden, so war das Jenseits doch nur eine andere Form des Lebens, in die der Mensch nach seinem Tode einging. Die „Glücklichen Jagdgründe“ – eher bekannt unter dem Namen „Ewige Jagdgründe“ – sind eine der Formen, die das Jenseits in den Vorstellungen der Indianer einnahm. Je nach Stamm waren im Jenseits Sorgen und Schmerzen – ständige Begleiter des Diesseits – verschwunden. Stattdessen warteten unerschöpfliche Herden auf die Jagd, was sich daraus erklärt, dass der Indianer auf die Jagd angewiesen war: Ging die Jagd schlecht aus, so litt das Leben beträchtlich darunter, konnte gar zum Hungertod führen. In diesem Sinne sind viele Jenseitsvorstellungen der Indianer stark dem irdischen Leben entlehnt, lassen aber die Beschwernis vermissen.
Einzig die Irokesen sahen den Tod beziehungsweise das Leben nach dem Tod als eine wahrhaftige Fortführung der Existenz in der irdischen Sphäre: Als Schatten wanderte die Seele neben den Lebenden, sehr nahe und doch unendlich weit entfernt.

Zwei Theorien zur Herkunft der Bezeichnung „Indianer“

Zwei Theorien wollen die Bezeichnung „Indianer“ erklären. Die eine Theorie ist davon überzeugt, es wäre Christoph Kolumbus gewesen, der die Ureinwohner Amerikas derart benannte, hatte er doch geglaubt, dass es sich bei Amerika um Indien handelte. Doch hieß Indien in den Tagen des Kolumbus nicht Indien, sondern Hindustan, weshalb allenfalls denkbar ist, dass die Bezeichnung „Hindues“ eine Entwicklung zu „Indues“ und „Indios“ und schließlich zu „Indians“ durchmachte.
Wahrscheinlicher ist daher, dass sich der Name „Indianer“ von den spanischen Worten „en dio“ ableitet, die im Zusammenhang „una gentre en dio“ auftauchten – eine Auszeichnung der Gottesfürchtigkeit, die die Spanier bei den Ureinwohnern Amerikas entdeckten, wobei jene Gottesfürchtigkeit nicht mehr und nicht weniger ist, als die bedingungslose Verehrung von Natur und Leben.