Billy the Kid: Legende und Wahrheit – Das kurze Leben des Henry McCarty
Er wurde nur 21 Jahre alt, doch sein Name ist unsterblich: Billy the Kid, der berühmteste Gesetzlose des Wilden Westens. Die Legende erzählt von einem kaltblütigen Killer, der 21 Männer erschoss – einen für jedes Lebensjahr. Die Wahrheit ist komplexer, faszinierender und tragischer. Hinter dem Mythos verbirgt sich Henry McCarty, ein irischer Einwandererjunge, der in den blutigen Lincoln County War hineingezogen wurde und dessen kurzes Leben zwischen Verzweiflung, Gewalt und einem Kampf ums Überleben pendelte.
Billy the Kid – Der berühmteste Outlaw des Westens
Von Henry McCarty zum unsterblichen Mythos
Die Anfänge: Henry McCarty aus New York
Bevor es Billy the Kid gab, gab es Henry McCarty – einen irischen Einwandererjungen, geboren um 1859 in New York City oder möglicherweise Indiana. Sein Vater bleibt ein Rätsel der Geschichte; er starb oder verschwand, als Henry noch klein war. Seine Mutter Catherine McCarty zog mit Henry und seinem älteren Bruder Joseph nach Westen, auf der Suche nach einem besseren Leben und Heilung für ihre Tuberkulose.
1873 heiratete Catherine den Bergmann William Antrim in Santa Fe, New Mexico. Die Familie ließ sich in Silver City nieder, wo der junge Henry zur Schule ging und als charmanter, intelligenter Junge beschrieben wurde. Er sprach fließend Spanisch, liebte Musik und Tanz – ein Bild, das kaum zum späteren „Killer“-Mythos passt.
🍀 Die irischen Wurzeln
Henry McCarty war Teil der großen irischen Einwanderungswelle nach der Großen Hungersnot. Seine Mutter Catherine stammte aus Irland und gehörte zu den Millionen, die in Amerika ein neues Leben suchten. Der junge Henry wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf – ein Schicksal, das er mit vielen seiner Generation teilte.
Der Tod der Mutter – Der Wendepunkt
Am 16. September 1874 starb Catherine McCarty an Tuberkulose. Henry war gerade 15 Jahre alt. Sein Stiefvater William Antrim wollte oder konnte sich nicht um die Jungen kümmern – Henry und sein Bruder wurden bei verschiedenen Familien untergebracht. Für den jungen Henry begann eine Zeit der Orientierungslosigkeit, die ihn auf einen verhängnisvollen Pfad führte.
Nur wenige Monate nach dem Tod seiner Mutter beging Henry sein erstes Verbrechen: Er half einem Kleinkriminellen, gestohlene Wäsche zu verstecken. Der Sheriff steckte ihn ins Gefängnis – vermutlich, um ihm eine Lektion zu erteilen. Doch Henry floh durch den Schornstein und begann sein Leben auf der Flucht.
Die Verwandlung: Von Henry McCarty zu Billy the Kid
In den folgenden Jahren nahm Henry verschiedene Namen an: Henry Antrim (nach seinem Stiefvater), Kid Antrim, und schließlich William H. Bonney – der Name, unter dem er verhaftet und verurteilt wurde. Der Spitzname „Billy the Kid“ entstand, weil er jugendlich aussah und mit gerade mal 1,70 m klein und schmächtig war.
Erster Mord – Francis „Windy“ Cahill
In Arizona erschoss der 17-jährige Billy den Schmied Francis Cahill bei einer Schlägerei. Es war Selbstverteidigung – Cahill hatte ihn zuvor misshandelt. Billy floh nach New Mexico und wurde zum gesuchten Flüchtling.
Der Lincoln County War beginnt
Billy wurde Angestellter des englischen Ranchers John Tunstall, der ihm wie ein Vater wurde. Als Tunstall von einer rivalisierenden Fraktion ermordet wurde, schwor Billy Rache – und wurde in einen blutigen Bandenkrieg hineingezogen.
Der Mord an Sheriff Brady
Billy und seine Bande erschossen Sheriff William Brady aus dem Hinterhalt in Lincoln. Es war ein Racheakt – Brady war an Tunstalls Ermordung beteiligt gewesen. Dieser Mord machte Billy zum meistgesuchten Outlaw des Territoriums.
Die Schlacht von Lincoln
Fünf Tage lang lieferten sich die Regulators (Billys Bande) und die Murphy-Dolan-Fraktion eine Schießerei in der Stadt Lincoln. Das Militär musste eingreifen. Der Krieg endete – aber Billy blieb ein Gesetzloser.
Gouverneur Wallace und das gebrochene Versprechen
Gouverneur Lew Wallace bot Billy Amnestie, wenn er gegen andere aussagte. Billy kooperierte – doch Wallace brach sein Wort. Billy floh erneut und kehrte zum Viehdiebstahl zurück.
Der Lincoln County War – Billys blutiges Erbe
Der Lincoln County War (1878) war kein romantisches Duell zwischen Gut und Böse – es war ein brutaler Wirtschaftskrieg zwischen zwei Handelsimperien. Auf der einen Seite stand Lawrence Murphy mit seinem Monopol auf Waren und Regierungsaufträge. Auf der anderen Seite John Tunstall und Alexander McSween, die das Monopol brechen wollten.
Billy the Kid geriet zwischen die Fronten, weil er für Tunstall arbeitete – einen der wenigen Menschen, die ihn gut behandelten. Als Tunstall am 18. Februar 1878 kaltblütig ermordet wurde, wurde aus dem Viehdieb ein Rächer.
John Tunstall
Billys Mentor & Vaterfigur
Pat Garrett
Sheriff & Billys Mörder
Lew Wallace
Gouverneur von New Mexico
Mythos vs. Realität: Was stimmt wirklich?
Über kaum einen Westernhelden gibt es so viele Legenden und Lügen wie über Billy the Kid. Die Zeitungen der 1880er Jahre und spätere Groschenromane schufen einen Mythos, der mit der Realität wenig zu tun hatte.
🎭 Der Mythos
21 Morde
„Ein Mann für jedes Lebensjahr“ – die berühmteste Behauptung über Billy.
Kaltblütiger Killer
Zeitungen stellten ihn als blutrünstiges Monster dar, das ohne Gewissen mordete.
Meisterschütze
Angeblich konnte er mit beiden Händen gleichzeitig schießen und traf jedes Ziel.
Einsamer Wolf
Der Mythos zeigt ihn als einzelgängerischen Desperado.
✅ Die Realität
4–9 Morde
Historiker bestätigen maximal 9 Tötungen, viele davon in Selbstverteidigung oder im Krieg.
Charmant & beliebt
Zeitgenossen beschrieben ihn als freundlich, höflich, musikalisch. Besonders Frauen mochten ihn.
Durchschnittlicher Schütze
Keine Beweise für außergewöhnliche Schießkünste. Er war schnell, aber nicht legendär.
Loyaler Freund
Billy war Teil der „Regulators“ und hatte viele Freunde in der hispano-amerikanischen Gemeinde.
📸 Das berühmte Foto
Es existiert nur ein einziges authentisches Foto von Billy the Kid – eine Ferrotypie aus dem Jahr 1879/80. Das Bild zeigt einen schmächtigen jungen Mann mit schief sitzendem Hut und Winchester-Gewehr. Interessanterweise ist das Bild seitenverkehrt: Billy war Rechtshänder, das Foto zeigt ihn aber mit der Waffe links. 2011 wurde dieses einzige bekannte Foto für 2,3 Millionen Dollar versteigert.
Die dramatische Flucht aus dem Gerichtsgebäude
Am 13. April 1881 wurde Billy the Kid in Mesilla zum Tode durch den Strang verurteilt – für den Mord an Sheriff William Brady. Er wurde nach Lincoln gebracht, wo er im Gerichtsgebäude bewacht wurde, während man den Galgen baute. Die Hinrichtung war für den 13. Mai angesetzt.
Doch am 28. April 1881 gelang Billy eine der kühnsten Gefängnisausbrüche der Western-Geschichte:
Die Situation
Billy war im zweiten Stock des Gerichtsgebäudes gefesselt. Zwei Deputies bewachten ihn: James Bell und Robert Olinger.
Der Plan
Als Bell ihn zur Toilette brachte, schlüpfte Billy aus seinen Handschellen (oder befreite sich mit verstecktem Schlüssel).
Die Tat
Billy überwältigte Bell, nahm seine Waffe und erschoss ihn auf der Treppe. Dann schnappte er sich Olingers Schrotflinte vom Waffenschrank.
Der Showdown
Als Olinger vom Schuss angelockt zurückkam, erschoss Billy ihn aus dem Fenster mit dessen eigener Waffe. Dann floh er auf einem gestohlenen Pferd.
⚠️ Der brutale Robert Olinger
Deputy Robert Olinger hatte Billy während seiner Gefangenschaft sadistisch gequält und gedemütigt. Er prahlte damit, Billy persönlich hängen zu wollen. Als Billy ihn mit seiner eigenen Schrotflinte erschoss, rief er angeblich: „Hallo, Bob!“ – bevor er abdrückte. Niemand in Lincoln trauerte um Olinger.
Die letzten Tage in Fort Sumner
Nach seiner Flucht versteckte sich Billy the Kid in Fort Sumner, einem verlassenen Militärfort, das zur hispano-amerikanischen Siedlung geworden war. Hier hatte er Freunde und – wie manche glauben – eine Liebschaft mit einer jungen Frau namens Paulita Maxwell.
Sheriff Pat Garrett, einst Billys Bekannter, machte Jagd auf ihn. Am 14. Juli 1881 bekam Garrett einen Tipp: Billy hielt sich im Haus des Ranchers Pete Maxwell auf.
Die Nacht vom 14. Juli 1881
Es war nach Mitternacht. Billy war barfuß und nur mit Hose und Hemd bekleidet. Er hatte Hunger und ging zum Haus von Pete Maxwell, um sich ein Stück Fleisch zu schneiden. Garrett wartete bereits in Maxwells Schlafzimmer.
Billy betrat den dunklen Raum und flüsterte auf Spanisch: „¿Quién es? ¿Quién es?“ (Wer ist da?) Er hatte Garretts Silhouette gesehen, erkannte ihn aber nicht. Garrett feuerte zweimal. Die erste Kugel traf Billy direkt ins Herz. Er war sofort tot – mit nur 21 Jahren.
Garretts Version wurde später angezweifelt: Manche glauben, Billy war unbewaffnet. Andere behaupten, Garrett habe aus dem Hinterhalt geschossen, ohne Warnung. Die Wahrheit starb mit Billy in dieser Nacht.
Ich war nicht da, als Billy erschossen wurde, aber ich hörte die Schüsse. Pat Garrett kam heraus und sagte: ‚Ich habe ihn erwischt.‘ Billy war ein guter Junge. Er hat nie jemandem etwas getan, der ihm nichts getan hat. Die Leute hier mochten ihn.
— Deluvina Maxwell, Haushälterin der Familie Maxwell, Augenzeugin
Das Vermächtnis: Wie Billy zur Legende wurde
Nur Stunden nach Billy the Kids Tod begann die Legendenbildung. Pat Garrett veröffentlichte 1882 das Buch „The Authentic Life of Billy the Kid“ – eine stark übertriebene, dramatisierte Version der Ereignisse. Darin wurde die „21 Morde“-Legende geboren.
In den folgenden Jahrzehnten wurde Billy zum Mythos:
Groschenromane
Ab den 1880ern erschienen Dutzende fiktionalisierte Geschichten über Billy – jede blutrünstiger als die letzte.
Hollywood
Über 50 Filme wurden über Billy gedreht, von 1911 bis heute. Jeder Schauspieler interpretierte ihn anders.
Popkultur
Billy wurde zum Symbol der Rebellion – besungen in Country-Songs, Comics und Videospielen.
Tourismus
Sein Grab in Fort Sumner ist heute eine Touristenattraktion. Der Grabstein wurde mehrfach gestohlen und ist jetzt hinter Gittern.
Die „Billy the Kid ist nicht tot“-Theorien
Wie bei vielen Legenden des Wilden Westens gibt es Verschwörungstheorien, dass Billy the Kid nicht wirklich starb. Mehrere Männer behaupteten im 20. Jahrhundert, der echte Billy zu sein:
🔍 Die Hochstapler
John Miller (1859–1937): Ein Rancher aus Arizona behauptete auf dem Sterbebett, Billy the Kid zu sein. Seine Familie glaubte ihm.
Brushy Bill Roberts (1879–1950): Der bekannteste Prätendent. Er versuchte 1950, vom Gouverneur von New Mexico eine Begnadigung zu erhalten. DNA-Tests 2011 widerlegten seine Behauptung.
Historiker sind sich einig: Billy the Kid starb 1881 in Fort Sumner. Die Verschwörungstheorien sind romantischer Unsinn.
Warum fasziniert uns Billy the Kid bis heute?
Über 140 Jahre nach seinem Tod bleibt Billy the Kid eine der faszinierendsten Figuren des Wilden Westens. Aber warum?
Der Underdog
Billy war ein armer Waisenjunge, der gegen korrupte Machthaber kämpfte. Eine klassische Underdog-Story.
Die Tragik
Mit 21 tot – ein Leben, das nie zur Entfaltung kam. Seine Geschichte ist zutiefst tragisch.
Der Mythos
Die Lücken in seiner Biografie lassen Raum für Fantasie. Jede Generation erfindet Billy neu.
Die Rebellion
Billy repräsentiert den ewigen Rebellen – jemand, der sich nicht beugt, koste es, was es wolle.
Fazit: Der Junge hinter der Legende
Billy the Kid war kein Held und kein Monster – er war ein Produkt seiner Zeit. Ein Waisenjunge in einem gewalttätigen Territorium ohne Gesetz, der zwischen die Fronten eines Wirtschaftskrieges geriet. Er tötete, ja – aber meist in Selbstverteidigung oder Rache für die Ermordung seines Mentors.
Die Legende von Billy the Kid erzählt mehr über uns als über ihn: über unsere Faszination für Outlaws, unsere Romantisierung des Wilden Westens, unsere Sehnsucht nach einfachen Gut-Böse-Geschichten in einer komplexen Welt.
Der echte Henry McCarty starb mit 21 Jahren in einem dunklen Zimmer in Fort Sumner. Aber Billy the Kid – die Legende – wird ewig leben.
Letzte Bearbeitung am Sonntag, 4. Januar 2026 – 12:12 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.
