Dime Novels

Dime Novels: Groschenhefte und die Erfindung des Westerns – Ned Buntline und die Geburt einer Legende

Die Dime Novels waren die ersten Massenmedien des Wilden Westens – billige Groschenromane, die für nur zehn Cent die Fantasie von Millionen Amerikanern beflügelten. Zwischen 1860 und 1915 erschienen über 3.000 Western-Titel, die aus einfachen Grenzgängern unsterbliche Helden machten. Allen voran Ned Buntline, der exzentrische Schriftsteller, der Buffalo Bill zur Legende erhob und damit das Genre des Western-Romans erfand.

Dime Novels: Die Geburt des Western-Mythos

Wie Groschenhefte den Wilden Westen erfanden (1860–1915)

3.000+ Western Dime Novels erschienen
10¢ Preis pro Heft
1869 Ned Buntline trifft Buffalo Bill
5 Mio. Verkaufte Exemplare (Buffalo Bill Serie)

Was waren Dime Novels?

Die Dime Novels waren die ersten echten Massenmarkt-Taschenbücher Amerikas – billige, sensationelle Geschichten, die ab 1860 für nur zehn Cent verkauft wurden. Mit grellen Titelbildern, reißerischen Überschriften und actiongeladenen Handlungen eroberten sie die Herzen von Millionen Lesern: Arbeiter, Farmer, Jugendliche und selbst gebildete Bürger verschlangen diese Hefte heimlich.

Während der Wilde Westen noch eine raue Realität war, schufen die Dime Novels bereits seinen Mythos. Sie verwandelten gewöhnliche Menschen in übermenschliche Helden, machten aus Revolverhelden edle Ritter und aus der kargen Prärie ein romantisches Abenteuerland. Der wichtigste Architekt dieses Mythos war ein exzentrischer Schriftsteller namens Ned Buntline.

📚 Die Geburt eines Mediums

Das erste Dime Novel erschien am 7. Juni 1860: „Malaeska: The Indian Wife of the White Hunter“ von Ann Sophia Stephens, verlegt von Beadle & Adams in New York. Der Erfolg war explosiv – innerhalb von Monaten waren 300.000 Exemplare verkauft. Ein neues Medium war geboren.

Die Hefte waren 15–20 cm groß, hatten 30–100 Seiten und wurden auf billigem Papier gedruckt. Das Cover zeigte meist dramatische Szenen: Indianerüberfälle, Revolverduelle, heldenhafte Rettungen. Perfekt für die Hosentasche – und perfekt für schnelles Lesen in der Mittagspause.

Ned Buntline: Der Mann, der den Western erfand

✍️

Edward Zane Carroll Judson

Alias „Ned Buntline“ – König der Dime Novels

🎂 Geboren: 20. März 1821 in Stamford, New York
⚰️ Gestorben: 16. Juli 1886 in Stamford, New York
📖 Werke: Über 400 Romane und Kurzgeschichten
🎭 Beruf: Schriftsteller, Abenteurer, Alkoholiker, Bigamist, Volksheld
Vermächtnis: Erfand Buffalo Bill als Medienfigur und legte den Grundstein für das Western-Genre

Ned Buntline war keine gewöhnliche Figur – er war ein wandelnder Skandal, ein Selbstdarsteller, ein Trinker, ein Bigamist (er heiratete mindestens fünf Frauen) und einer der produktivsten Autoren seiner Zeit. Er schrieb so schnell, dass er angeblich ganze Romane in drei Tagen vollendete – oft unter Alkoholeinfluss.

Buntlines wildes Leben

Bevor Buntline zum Schriftsteller wurde, war er bereits eine Legende – allerdings keine positive:

Marinesoldat
Mit 11 Jahren zur Marine, mit 15 Midshipman. Erhielt den Spitznamen „Buntline“ (Schiffstau) – nutzte ihn als Pseudonym.
🔫
Duell-Teilnehmer
1846 erschoss er den Ehemann seiner Geliebten in Nashville. Wurde gelyncht, überlebte knapp und floh aus Tennessee.
🎪
Nativist-Anführer
1849 führte er den Astor Place Riot in New York an – 22 Tote. Wurde verhaftet, aber freigesprochen.
⚔️
Bürgerkriegssoldat
Kämpfte für die Union, wurde Sergeant. Angeblich ehrenhaft entlassen – die Wahrheit ist unklar.

1869: Die schicksalhafte Begegnung mit Buffalo Bill

Im Dezember 1869 reiste Ned Buntline nach Fort McPherson in Nebraska. Er suchte nach Material für seine Geschichten – und nach einem neuen Helden. Dort traf er auf William Frederick Cody, einen 23-jährigen Army Scout, der als Büffeljäger für die Kansas Pacific Railway gearbeitet hatte.

Cody war kein Niemand – aber auch keine nationale Berühmtheit. Er war ein kompetenter Scout, ein guter Schütze, ein charismatischer Erzähler. Buntline erkannte sofort: Das ist der perfekte Held.

Dezember 1869

Die Begegnung

Buntline trifft William F. Cody in Fort McPherson. Cody erzählt Geschichten von Büffeljagden, Indianerkämpfen und Scout-Abenteuern. Buntline ist fasziniert.

1869 (Ende Dezember)

Die erste Geschichte

Buntline schreibt „Buffalo Bill, the King of Border Men“ – angeblich in nur vier Tagen. Die Geschichte erscheint im New York Weekly.

1870

Der Durchbruch

Die Buffalo Bill-Geschichten werden zum Bestseller. Buntline schreibt vier weitere Romane über Cody – alle erfunden, alle erfolgreich.

1872

Die Bühnenshow

Buntline überredet Cody, in einer Theatershow aufzutreten: „The Scouts of the Prairie“. Die Show ist technisch eine Katastrophe – aber ein kommerzieller Triumph.

1883

Buffalo Bill’s Wild West Show

Cody gründet seine eigene Show – ohne Buntline. Sie wird zur größten Unterhaltungsshow der Welt und macht Buffalo Bill unsterblich.

Mythos vs. Realität: Was Buntline erfand

Ned Buntlines Buffalo Bill-Romane hatten nur eines mit der Realität gemeinsam: den Namen. Der Rest war pure Fantasie – aber genau das wollten die Leser.

📕 Mythos (Buntlines Version)

  • Buffalo Bill tötet Hunderte Indianer im Alleingang
  • Rettet weiße Frauen vor „wilden Rothäuten“
  • Perfekter Schütze, unbesiegbar im Nahkampf
  • Edler Ritter der Prärie, ohne Furcht
  • Tötet einen Grizzlybären mit bloßen Händen
  • Spricht fließend Lakota, Cheyenne und Pawnee

📗 Realität (William F. Cody)

  • Kompetenter Army Scout, aber kein Superheld
  • Arbeitete als Büffeljäger für die Eisenbahn
  • Guter Schütze, aber nicht übernatürlich
  • Normaler Mensch mit Stärken und Schwächen
  • Hatte Angst vor Bären (wie jeder Vernünftige)
  • Sprach gebrochenes Lakota, keine fließenden Indianersprachen

💡 Die Macht der Fiktion

Das Faszinierende: William F. Cody begann, die fiktive Version seiner selbst zu werden. Er übernahm die Rolle, die Buntline für ihn geschrieben hatte – die langen Haare, die Wildlederkluft, die theatralischen Gesten. Die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwamm vollständig. Buffalo Bill wurde zur ersten „Medien-Persönlichkeit“ der modernen Geschichte.

Die Dime Novel-Industrie: Eine Maschinerie der Mythen

Ned Buntline war nicht allein. Dutzende Autoren produzierten Western-Geschichten im Akkord. Die großen Verlage – Beadle & Adams, Street & Smith, Frank Tousey – veröffentlichten wöchentlich neue Hefte.

Die großen Dime Novel-Serien

Serie Verlag Zeitraum Held Besonderheit
Buffalo Bill Stories Street & Smith 1901–1912 Buffalo Bill Cody Über 500 Ausgaben
Deadwood Dick Series Beadle & Adams 1877–1897 Deadwood Dick Erster fiktiver Western-Held
Wild West Weekly Street & Smith 1902–1927 Verschiedene Längste laufende Serie
Young Wild West Frank Tousey 1902–1928 Young Wild West Jugend-Western
Calamity Jane Stories Street & Smith 1902–1903 Calamity Jane Seltene weibliche Heldin

Die Autoren: Anonyme Schreibfabriken

Die meisten Dime Novel-Autoren arbeiteten anonym oder unter Pseudonymen. Sie wurden nach Wort bezahlt – typischerweise 50–75 Dollar pro Roman – und mussten schnell produzieren.

Geschwindigkeit war alles
Ein erfahrener Autor schrieb 30.000–50.000 Wörter pro Woche. Recherche? Überbewertet. Logik? Unwichtig. Action? Immer!
🎭
Pseudonyme
Ein Autor konnte unter 5–10 verschiedenen Namen schreiben. „Ned Buntline“ war selbst ein Pseudonym – wie die meisten Namen auf den Covern.
📚
Wiederverwendung
Handlungen wurden recycelt, Namen geändert, Schauplätze ausgetauscht. Plagiate waren die Norm, nicht die Ausnahme.
🎨
Cover-Künstler
Die Illustratoren waren oft talentierter als die Autoren. Ihre dramatischen Bilder verkauften die Hefte – egal wie schlecht der Inhalt war.

Die typischen Elemente einer Dime Novel

Jede Dime Novel folgte einer Formel – und die Leser liebten es. Vorhersehbarkeit war kein Fehler, sondern ein Feature.

🤠
Der edle Held
Jung, stark, schön, unbesiegbar. Perfekter Schütze, edler Charakter, beschützt die Schwachen. Meist ein Scout, Trapper oder Cowboy.
👗
Die Jungfrau in Nöten
Eine schöne weiße Frau, die gerettet werden muss – von Indianern, Banditen oder der Wildnis. Ihre Rolle: hilflos sein und den Helden lieben.
😈
Der finstere Schurke
Ein skrupelloser Bandit, ein „wilder Rothaut“ oder ein korrupter Rancher. Böse ohne Nuancen, perfekt für den finalen Showdown.
🔫
Der Höhepunkt jeder Geschichte: Held vs. Schurke, Mann gegen Mann, schneller Schuss gewinnt. Historisch selten – in Dime Novels obligatorisch.
🏇
Die wilde Verfolgungsjagd
Zu Pferd, durch Canyons, über Prärien. Der Held jagt den Schurken (oder umgekehrt). Immer spannend, immer dramatisch.
🏜️
Die exotische Landschaft
Die Prärie als romantisches Abenteuerland – nicht als karge Realität. Malerische Sonnenuntergänge, majestätische Berge, kristallklare Flüsse.

Buffalo Bill sprang von seinem treuen Ross, zog blitzschnell seine Colts und feuerte in beide Richtungen zugleich. Zehn Rothäute fielen tot zu Boden, bevor sie auch nur ihre Tomahawks heben konnten. ‚Das wird euch lehren, weiße Frauen zu entführen!‘, rief er triumphierend.

— Typische Passage aus einer Buffalo Bill Dime Novel, ca. 1880

Die Kritik: Moralische Panik um „Schundliteratur“

Nicht jeder war begeistert von den Dime Novels. Lehrer, Pfarrer, Reformer und besorgte Eltern sahen in ihnen eine Gefahr für die Jugend.

⚠️ Die Vorwürfe gegen Dime Novels

Gewaltverherrlichung: Kritiker behaupteten, die Hefte würden Kinder zu Gewalt und Kriminalität anstiften.
„Schundliteratur“: Literarische Eliten verachteten die billigen Hefte als kulturellen Verfall.
Rassismus: Die stereotypen Darstellungen von Indianern, Mexikanern und Asiaten waren selbst für die damalige Zeit extrem.
Unrealistische Erwartungen: Junge Männer liefen von zuhause weg, um Cowboys zu werden – und fanden nur harte Arbeit und Enttäuschung.

Die Kritik war nicht unbegründet. Die Dime Novels verbreiteten rassistische Stereotype, glorifizierten Gewalt und hatten wenig mit der Realität zu tun. Aber sie erfüllten einen Zweck: Sie boten Eskapismus für Millionen Arbeiter, die in Fabriken und auf Farmen schufteten.

Das Ende der Dime Novel-Ära

Um 1915 waren die Dime Novels praktisch verschwunden. Mehrere Faktoren besiegelten ihr Ende:

1896

Das Kino kommt

Die ersten Filme bieten bewegte Bilder – spektakulärer als jedes gedruckte Wort. „The Great Train Robbery“ (1903) wird zum ersten Western-Film.

1903

Pulp-Magazine übernehmen

Neue Magazine wie „Argosy“ bieten mehr Seiten, bessere Qualität – für denselben Preis. Die Dime Novels wirken veraltet.

1910

Der Wilde Westen ist vorbei

Die Frontier ist geschlossen, die Indianerkriege beendet. Der Westen ist nicht mehr „wild“ – und die Geschichten verlieren ihre Aktualität.

1915

Das Ende

Die letzten großen Dime Novel-Serien werden eingestellt. Eine Ära geht zu Ende – aber ihr Vermächtnis lebt weiter.

Das Vermächtnis: Wie Dime Novels die Kultur prägten

Die Dime Novels waren mehr als Unterhaltung – sie schufen den modernen Western-Mythos, der bis heute fortlebt.

🎬
Western-Filme
Jeder Western von John Ford bis Sergio Leone basiert auf Dime Novel-Tropen: Der einsame Held, das Revolver-Duell, die Verfolgungsjagd.
📺
TV-Serien
„Bonanza“, „Gunsmoke“, „The Lone Ranger“ – alle erzählen Dime Novel-Geschichten mit besseren Budgets.
📚
Pulp-Magazine & Comics
Die Pulps der 1920er–1950er waren direkte Nachfolger. Superhelden-Comics übernahmen die Formel: übermenschliche Helden, klare Moral.
🎮
Video-Spiele
„Red Dead Redemption“, „Call of Juarez“ – moderne Western-Games erzählen immer noch Dime Novel-Geschichten.
🌎
Globale Faszination
Der Western wurde zum globalen Genre – von Karl May in Deutschland bis zu Spaghetti-Western in Italien.
🎭
Amerikanische Identität
Das Bild des „amerikanischen Helden“ – individualistisch, mutig, bewaffnet – stammt direkt aus den Dime Novels.

Fazit: Die Erfindung einer Legende

Die Dime Novels waren billige Schundliteratur – aber sie schufen einen Mythos, der mächtiger wurde als die Realität. Ned Buntline und seine Kollegen verwandelten den rauen, oft langweiligen Alltag der Frontier in ein episches Abenteuer. Sie machten aus gewöhnlichen Menschen wie William F. Cody unsterbliche Legenden.

Waren die Geschichten wahr? Nein. Waren sie rassistisch, sexistisch und voller Gewalt? Ja. Aber sie erfüllten einen tiefen Wunsch: den Traum vom Abenteuer, vom Heldentum, von einer einfacheren Welt mit klaren Gut-Böse-Grenzen.

Heute lesen wir keine Dime Novels mehr – aber wir schauen Western-Filme, spielen Western-Spiele, bewundern Cowboy-Stiefel und Revolver. Der Mythos, den Ned Buntline vor über 150 Jahren erfand, lebt weiter. Buffalo Bill mag nur ein einfacher Scout gewesen sein – aber dank Buntline wurde er unsterblich.

Die Dime Novels bewiesen eine zeitlose Wahrheit: Eine gute Geschichte ist mächtiger als jede Realität. Und manchmal wird die Legende zur Tatsache.

Letzte Bearbeitung am Samstag, 3. Januar 2026 – 18:54 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.

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