Der Lange Marsch der Navajo: Eine der dunkelsten Stunden des Wilden Westens
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ToggleDer Lange Marsch der Navajo (Navajo: Hwéeldi) war eine der tragischsten Episoden in der Geschichte des amerikanischen Westens. Zwischen 1864 und 1866 wurden über 9.000 Navajo von US-Truppen gewaltsam aus ihrer Heimat in Arizona und New Mexico vertrieben und über 480 Kilometer zu Fuß zum Bosque Redondo Reservat in Ost-New Mexico gezwungen. Dieser erzwungene Marsch – oft als „Long Walk“ bezeichnet – kostete Tausende das Leben und zerstörte die traditionelle Lebensweise eines ganzen Volkes.
Der Lange Marsch der Navajo (Hwéeldi)
Die Tragödie eines Volkes (1864–1868)
Die Navajo vor dem Langen Marsch
Die Navajo (Diné – „das Volk“) waren eines der größten und mächtigsten Indianervölker des amerikanischen Südwestens. Seit Jahrhunderten lebten sie in der Region des heutigen Arizona, New Mexico, Utah und Colorado – einem Gebiet, das sie Dinétah nannten, „das Land des Volkes“.
Anders als die nomadischen Plains-Stämme waren die Navajo halbnomadische Hirten und Farmer. Sie züchteten Schafe und Ziegen (übernommen von den Spaniern), bauten Mais und Kürbisse an und schufen kunstvolle Silberschmuck und Webarbeiten. Ihre traditionellen Behausungen – die Hogans – waren aus Holz und Lehm gebaut und nach Osten ausgerichtet, um die aufgehende Sonne zu begrüßen.
🏜️ Das Navajo-Territorium
Vor 1864 erstreckte sich das Navajo-Land über ein Gebiet von etwa 130.000 Quadratkilometern – größer als die heutigen Bundesstaaten Connecticut, Massachusetts und Rhode Island zusammen. Es umfasste:
• Canyon de Chelly (Arizona): Das spirituelle Herz der Navajo
• Monument Valley: Die heiligen roten Felsen
• Chuska Mountains: Reiche Wälder und Jagdgründe
• Rio Grande Valley: Fruchtbare Täler für Landwirtschaft
Die Eskalation: Ursachen des Konflikts
Der Konflikt zwischen den Navajo und den US-Amerikanern eskalierte nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846–1848), als New Mexico an die USA fiel. Was folgte, war eine Spirale aus Missverständnissen, gebrochenen Verträgen und Gewalt.
Die Hauptkonfliktpunkte
Gebrochene Verträge
Zwischen 1846 und 1863 schlossen die USA neun Verträge mit den Navajo – und brachen jeden einzelnen davon. Die Navajo verloren das Vertrauen in die amerikanische Regierung.
Viehdiebstahl
Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig: Navajo-Krieger stahlen Vieh von mexikanischen und amerikanischen Siedlern, während diese Navajo-Herden plünderten.
Vergeltungsschläge
Jeder Überfall führte zu Gegenüberfällen. Die Gewalt eskalierte, und friedliche Lösungen wurden unmöglich. Unschuldige auf beiden Seiten starben.
Landansprüche
Amerikanische Siedler und Goldsucher drangen immer tiefer in Navajo-Territorium ein, zerstörten Felder und beanspruchten Land, das den Navajo seit Jahrhunderten gehörte.
⚠️ Der Wendepunkt: Fort Fauntleroy Massaker (1861)
Am 30. September 1861 kam es zu einem Pferderennen bei Fort Fauntleroy (später Fort Wingate). Ein Streit über Betrug eskalierte, und US-Soldaten eröffneten das Feuer auf unbewaffnete Navajo – Männer, Frauen und Kinder. Mindestens 30 Navajo wurden getötet. Dieses Massaker zerstörte jede Hoffnung auf Frieden.
Kit Carson und die Scorched-Earth-Kampagne
Im Juni 1863 beauftragte General James H. Carleton den legendären Trapper und Pfadfinder Kit Carson mit einer brutalen Mission: Die Navajo sollten bedingungslos kapitulieren oder vernichtet werden.
Kit Carson
Colonel, 1st New Mexico Volunteer Cavalry
James H. Carleton
Brigadegeneral, Kommandeur New Mexico
Die Taktik der verbrannten Erde
Carson führte keinen traditionellen Krieg. Seine Strategie war es, die Navajo auszuhungern und ihnen jede Überlebensmöglichkeit zu nehmen:
Beginn der Kampagne
Carson marschiert mit 736 Soldaten ins Navajo-Land. Der Befehl: Zerstört alles, was die Navajo zum Überleben brauchen.
Zerstörung der Ernten
Soldaten brennen systematisch Maisfelder, Pfirsichgärten und Gemüsegärten nieder. Tausende Hektar Ackerland werden vernichtet.
Vernichtung der Herden
Über 3.000 Schafe werden geschlachtet oder konfisziert. Die Navajo verlieren ihre Hauptnahrungsquelle und ihren Reichtum.
Canyon de Chelly
Carson dringt ins heilige Herz der Navajo vor. Der Canyon de Chelly – Heimat von Hunderten Navajo – wird durchkämmt. Pfirsichbäume werden gefällt, Hogans verbrannt.
Die Zerstörung des Canyon de Chelly
Der Canyon de Chelly war nicht nur ein Zufluchtsort, sondern das spirituelle Zentrum der Navajo-Kultur. Hier standen 3.000 Pfirsichbäume – gepflanzt von spanischen Missionaren im 17. Jahrhundert und von den Navajo über Generationen gepflegt.
Im Januar 1864 befahl Carson, jeden einzelnen Baum zu fällen. Es war ein Akt symbolischer Gewalt: Die Zerstörung nicht nur der Lebensgrundlage, sondern der kulturellen Identität.
Ergebnis: Bis März 1864 hatten sich über 6.000 ausgehungerte und verzweifelte Navajo bei Fort Canby und Fort Wingate ergeben.
Der Lange Marsch: Hwéeldi
Der Lange Marsch der Navajo war kein einzelnes Ereignis, sondern eine Serie von erzwungenen Märschen zwischen März 1864 und Dezember 1866. Insgesamt wurden mindestens 50 Gruppen über eine Strecke von 480 Kilometern zum Bosque Redondo Reservat getrieben.
Die Bedingungen des Marsches
Zu Fuß, ohne Vorbereitung
Die meisten Navajo hatten keine angemessene Kleidung oder Schuhe. Viele marschierten barfuß durch Schnee, Wüste und felsiges Gelände.
Hunger und Durst
Die Rationen waren minimal und oft verdorben. Wasser war knapp. Kranke und Schwache bekamen nichts Zusätzliches.
Keine medizinische Versorgung
Krankheiten wie Ruhr, Pocken und Lungenentzündung breiteten sich aus. Es gab keine Ärzte, keine Medikamente.
Erschießung der Schwachen
Wer nicht mithalten konnte – Alte, Kranke, Schwangere – wurde oft zurückgelassen oder erschossen. Soldaten zeigten wenig Mitleid.
Kinder und Alte
Kleinkinder starben in den Armen ihrer Mütter. Alte Menschen brachen am Wegesrand zusammen. Familien wurden auseinandergerissen.
Nachtmärsche im Winter
Viele Gruppen marschierten im Winter. Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, Schneestürme – ohne warme Kleidung oder Decken.
Sie trieben uns wie Vieh. Wer zurückfiel, wurde erschossen. Wir marschierten Tag und Nacht, hungernd, frierend. Meine Schwester starb auf diesem Marsch. Wir durften nicht anhalten, um sie zu begraben. Ihr Körper blieb einfach auf dem Pfad liegen.
— Überlebendenbericht eines Navajo, aufgezeichnet in den 1930er Jahren
Die Route des Langen Marsches
Die Hauptroute führte von Fort Canby (bei Window Rock, Arizona) und Fort Wingate (New Mexico) nach Bosque Redondo am Pecos River in Ost-New Mexico. Die Strecke variierte je nach Startpunkt, aber die meisten Gruppen legten etwa 480 Kilometer zurück – zu Fuß, unter bewaffneter Bewachung.
📍 Wichtige Stationen des Langen Marsches
Fort Canby/Defiance: Sammelstelle für die ersten Gruppen
Fort Wingate: Zweite Hauptsammelstelle
Albuquerque: Durchgangsstation am Rio Grande
Fort Sumner/Bosque Redondo: Endstation – das Gefangenenlager
Bosque Redondo: Das Gefangenenlager
Das Bosque Redondo Reservat – offiziell „Fort Sumner Reservation“ – sollte nach General Carletons Vision ein „Experiment“ in der Zivilisierung der Indianer werden. In Wahrheit war es ein Konzentrationslager.
Die Hölle am Pecos River
Lage: Flaches, baumloses Land am brackigen Pecos River – 160 km von der nächsten größeren Siedlung entfernt.
Größe: 160 Quadratkilometer – viel zu klein für 9.000 Navajo plus 400 Mescalero-Apachen.
Bedingungen: Keine Bäume für Hogans, kein sauberes Wasser, schlechter Boden für Landwirtschaft, extreme Temperaturen.
Das tägliche Leid in Bosque Redondo
Verseuchtes Wasser
Der Pecos River war alkalisch und brackig. Das Wasser verursachte Durchfall und Krankheiten. Viele Navajo weigerten sich zu trinken und verdürsteten lieber.
Missernte nach Missernte
Der Boden war unfruchtbar, Heuschrecken fraßen die Saat, Dürren zerstörten die Ernten. Vier Jahre lang scheiterten alle Versuche, Nahrung anzubauen.
Seuchen
Pocken, Ruhr, Typhus, Syphilis – Krankheiten rafften Hunderte dahin. Es gab kaum Medikamente, keine Quarantäne-Möglichkeiten.
Unterkünfte
Ohne Holz konnten keine traditionellen Hogans gebaut werden. Die Navajo gruben Erdlöcher oder bauten notdürftige Unterstände aus Zweigen.
Kein Brennholz
Die wenigen Bäume am Pecos wurden schnell gefällt. Im Winter froren die Menschen. Manche verbrannten ihre eigenen Besitztümer, um warm zu bleiben.
Überbevölkerung
9.000 Menschen auf engstem Raum, ohne sanitäre Anlagen. Die hygienischen Bedingungen waren katastrophal.
📊 Todesrate in Bosque Redondo
Zwischen 1864 und 1868 starben mindestens 2.000 Navajo im Reservat – etwa 20% der Gesamtbevölkerung. Die Haupttodesursachen waren Hunger, Krankheiten und Verzweiflung. Viele Navajo glaubten, dass ihre Seelen niemals in die Heimat zurückkehren könnten, wenn sie hier starben.
Widerstand und Flucht
Nicht alle Navajo fügten sich ihrem Schicksal. Etwa 2.000–3.000 Navajo entkamen der Gefangennahme und versteckten sich in den entlegensten Winkeln ihres Heimatlandes.
Manuelito
Kriegshäuptling und Widerstandsführer
Barboncito
Friedenshäuptling und Sprecher
Die Rückkehr: Der Vertrag von 1868
Nach vier Jahren Gefangenschaft war selbst der US-Regierung klar, dass das „Experiment“ Bosque Redondo gescheitert war. Die Kosten waren astronomisch, die Sterblichkeitsrate entsetzlich, und die Navajo weigerten sich, ihre Kultur aufzugeben.
Untersuchungskommission
Eine Regierungskommission inspiziert Bosque Redondo und berichtet von katastrophalen Zuständen. General Carleton wird seines Postens enthoben.
Verhandlungen beginnen
General William T. Sherman und Colonel Samuel Tappan treffen sich mit Navajo-Häuptlingen. Barboncito hält eine bewegende Rede über die Liebe der Navajo zu ihrer Heimat.
Vertrag von Bosque Redondo
Der Vertrag wird unterzeichnet. Die Navajo dürfen in ihre Heimat zurückkehren – auf ein Reservat von etwa 14.000 Quadratkilometern (nur ein Bruchteil ihres ursprünglichen Landes).
Der Lange Marsch nach Hause
7.000 Navajo beginnen den 480-Kilometer-Marsch zurück nach Dinétah. Diesmal als freie Menschen. Viele weinen vor Freude, als sie die heiligen Berge sehen.
Ich hoffe, dass wir in unser eigenes Land zurückkehren dürfen. Wir sind dort geboren, dort sind unsere Kinder geboren. Ich sage, dass die Navajo niemals in einem anderen Land glücklich sein werden, außer in ihrem eigenen. Es mag nicht so schön sein für andere, aber es ist schön für uns.
— Barboncito, während der Verhandlungen im Mai 1868
Das Vermächtnis des Langen Marsches
Der Lange Marsch der Navajo ist tief in das kulturelle Gedächtnis der Navajo-Nation eingegraben. Für die Navajo ist Hwéeldi nicht nur Geschichte – es ist ein lebendiges Trauma, das über Generationen weitergegeben wurde.
Mündliche Überlieferung
Geschichten des Langen Marsches werden von Großeltern an Enkel weitergegeben. Jede Familie hat ihre eigenen Erinnerungen an die Tragödie.
Historisches Bewusstsein
Der Lange Marsch wird in Navajo-Schulen gelehrt und in Museen dokumentiert. Es ist ein zentraler Teil der Navajo-Identität.
Symbol der Resilienz
Trotz des Versuchs, ihre Kultur zu zerstören, haben die Navajo überlebt und ihre Traditionen bewahrt. Der Lange Marsch ist ein Symbol ihrer Stärke.
Die größte Reservation
Heute ist die Navajo Nation mit 71.000 km² die größte Indianerreservation der USA – ein Zeugnis ihres Überlebenswillens.
Die Navajo-Nation heute
📊 Navajo Nation heute (2024)
Bevölkerung: Etwa 300.000 eingeschriebene Mitglieder (zweitgrößter Stamm der USA)
Fläche: 71.000 km² in Arizona, New Mexico und Utah
Sprache: Navajo (Diné bizaad) wird von etwa 170.000 Menschen gesprochen
Regierung: Eigene Stammesregierung mit Präsident, Vizepräsident und Rat
Kultur: Traditionelle Zeremonien, Webkunst und Silberschmuck werden bis heute praktiziert
Anerkennung und Gedenken
Erst in jüngerer Zeit hat die US-Regierung begonnen, die Verbrechen gegen die Navajo anzuerkennen:
Navajo-Hopi Land Dispute Settlement Act
Gesetz zur Beilegung von Landstreitigkeiten – erste offizielle Anerkennung historischen Unrechts.
Bosque Redondo Memorial
Eröffnung eines Denkmals am Ort des ehemaligen Lagers. Es enthält einen Heiligen Kreis und ein Museum.
Gedenkmärsche
Navajo-Gemeinden organisieren symbolische Märsche, um an Hwéeldi zu erinnern und die Opfer zu ehren.
Fazit: Eine Wunde, die nie ganz heilt
Der Lange Marsch der Navajo war ein Versuch, ein ganzes Volk zu brechen – seine Kultur zu zerstören, seine Identität auszulöschen, seinen Willen zu beugen. Er scheiterte.
Die Navajo überlebten. Sie kehrten in ihre Heimat zurück. Sie bauten ihre Gesellschaft wieder auf, bewahrten ihre Sprache, ihre Zeremonien, ihre Kunst. Heute ist die Navajo-Nation ein lebendiges Zeugnis der Resilienz eines Volkes, das durch die Hölle ging – und dennoch nicht zerbrach.
Aber die Narben sind geblieben. Hwéeldi ist mehr als Geschichte – es ist ein Trauma, das über fünf Generationen weitergegeben wurde. Jeder Navajo kennt die Geschichten. Jede Familie hat ihre Toten zu beklagen.
Der Lange Marsch erinnert uns daran, dass der „Wilde Westen“ nicht nur eine Ära von Cowboys und Abenteuern war – sondern auch eine Zeit unvorstellbaren Leids, gebrochener Versprechen und systematischer Grausamkeit. Es ist eine Geschichte, die erzählt werden muss – damit sie sich niemals wiederholt.
Letzte Bearbeitung am Sonntag, 4. Januar 2026 – 10:53 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.
