Süßgras – Die vergessene Grundlage des Wilden Westens
Wenn wir an den Wilden Westen denken, sehen wir Cowboys, Pferde und endlose Prärien vor uns. Doch die wahre Grundlage dieser Ära war weder der Colt noch das Lasso – es war das Süßgras. Diese unscheinbaren Gräser der Great Plains ernährten Millionen von Bisons, später Rinder und Pferde, und machten die großen Cattle Drives überhaupt erst möglich. Ohne Süßgras hätte es keinen Wilden Westen gegeben, wie wir ihn kennen.
Süßgras – Das grüne Gold der Great Plains
Die vergessene Grundlage der Western-Ära
Was ist Süßgras?
Der Begriff Süßgras (englisch: „Sweet Grass“ oder „Prairie Grass“) bezeichnet eine Vielzahl von Grasarten, die auf den Great Plains Nordamerikas wuchsen. Im Gegensatz zu „Sauergräsern“ (botanisch: Cyperaceae) gehören diese Pflanzen zur Familie der echten Gräser (Poaceae) und zeichnen sich durch ihren hohen Nährwert und ihre Schmackhaftigkeit für Weidetiere aus.
Die amerikanischen Prärien waren ein Meer aus Gras – ein Ökosystem, das über Jahrtausende perfekt an die extremen Bedingungen der Plains angepasst war: heiße Sommer, kalte Winter, Dürreperioden, Präriebränden und den ständigen Verbiss durch Millionen von Bisons.
🌾 Etymologie: Woher kommt der Name?
Der Begriff „Süßgras“ bezieht sich auf den leicht süßlichen Geschmack vieler Präriegräser, der sie für Weidetiere besonders attraktiv machte. Botanisch korrekt wäre „Echte Gräser“ (Poaceae), aber Cowboys, Siedler und Rancher nannten sie einfach „Sweet Grass“ – das Gras, das ihre Herden fett und gesund machte.
Die wichtigsten Süßgras-Arten der Great Plains
Die Great Plains waren kein einheitliches Grasland, sondern ein komplexes Mosaik verschiedener Grasarten, die sich je nach Niederschlagsmenge, Bodenbeschaffenheit und geografischer Lage unterschieden.
Buffalo Grass
Bouteloua dactyloides
Das dominierende Kurzgras der westlichen Plains. Wuchs nur 10–20 cm hoch, bildete aber dichte Matten. Extrem dürreresistent und perfekt für Bisons und Rinder.
Blue Grama
Bouteloua gracilis
Neben Buffalo Grass das häufigste Kurzgras. Charakteristische sichelförmige Blütenstände. Sehr nahrhaft und von Rindern bevorzugt.
Big Bluestem
Andropogon gerardii
Das „König der Präriegräser“. Konnte bis 2,5 m hoch werden. Dominierte die feuchteren östlichen Tallgrass Prairies. Wurzeln bis 3,5 m tief.
Indian Grass
Sorghastrum nutans
Ein goldgelbes Hochgras der östlichen Plains. Wurde auch von Indianern genutzt – daher der Name. Wichtiges Winterfutter.
Little Bluestem
Schizachyrium scoparium
Ein mittelhoches Gras (60–90 cm), das sowohl in Tall- als auch in Mixed-Grass Prairies vorkam. Im Herbst kupferrot.
Switchgrass
Panicum virgatum
Ein vielseitiges Hochgras, das bis 2 m hoch wurde. Heute als Bioenergie-Pflanze wiederentdeckt. Sehr robust.
Shortgrass vs. Tallgrass Prairie
Die Great Plains teilten sich in drei Hauptzonen, die von West nach Ost verliefen – bestimmt durch die Niederschlagsmenge. Jede Zone hatte ihre eigene Grasvegetation und damit ihre eigene Bedeutung für den Wilden Westen.
☀️ Shortgrass Prairie (Westen)
- Lage: Östlich der Rocky Mountains (Montana, Wyoming, Colorado, New Mexico)
- Niederschlag: 250–400 mm/Jahr
- Höhe: 10–30 cm
- Hauptarten: Buffalo Grass, Blue Grama
- Bedeutung: Gebiet der großen Bisonherden; später Cattle-Ranching
- Bodentiefe: Wurzeln bis 1,5 m
🌿 Tallgrass Prairie (Osten)
- Lage: Kansas, Oklahoma, Iowa, Illinois
- Niederschlag: 600–900 mm/Jahr
- Höhe: 1,5–2,5 m (teilweise bis 3 m!)
- Hauptarten: Big Bluestem, Indian Grass, Switchgrass
- Bedeutung: „Brotkorb Amerikas“ – wurde zu Ackerland umgewandelt
- Bodentiefe: Wurzeln bis 3,5 m tief!
🗺️ Die Mixed-Grass Prairie – die Übergangszone
Zwischen Short- und Tallgrass Prairie lag die Mixed-Grass Prairie – ein Mischgebiet mit mittlerem Niederschlag (400–600 mm/Jahr). Hier wuchsen sowohl kurze als auch hohe Gräser, je nach Mikroklima und Bodenbeschaffenheit. Diese Zone verlief durch Nebraska, Kansas und die Dakotas – genau dort, wo später die großen Cattle Trails verliefen.
Süßgras und die Bisons – eine Jahrtausende alte Symbiose
Bevor die Europäer kamen, lebten schätzungsweise 30 bis 60 Millionen Bisons auf den Great Plains. Sie waren nicht nur Bewohner der Prärie – sie waren ihre Gestalter. Süßgras und Bison hatten sich über Jahrtausende gemeinsam entwickelt.
🦬 Die Bison-Gras-Beziehung
Beweidung fördert Wachstum
Bisons fraßen die Gräser kurz – was die Pflanzen zu neuem Wachstum anregte. Wie eine natürliche Rasenmäherfunktion.
Düngung durch Dung
Millionen Tonnen Bison-Dung düngten die Prärie und hielten den Nährstoffkreislauf in Gang.
Samenverbreitung
Im Fell der Bisons verfingen sich Grassamen, die so über weite Strecken verbreitet wurden.
Bodenauflockerung
Die Hufe der Bisons lockerten den Boden auf und drückten Samen in die Erde – perfekte Keimbedingungen.
Die Bedeutung von Süßgras für die Cattle Drives
Als nach dem Bürgerkrieg die großen Cattle Drives begannen, wurde das Süßgras zur Lebensader der Viehtreiber. Ohne das nährstoffreiche Gras der Plains wären die Viehtriebe unmöglich gewesen.
Die Ära der großen Cattle Drives
Über 10 Millionen Rinder wurden von Texas nach Norden getrieben – durch Hunderte Kilometer Prärie. Das Süßgras der Great Plains ernährte die Herden unterwegs. Cowboys suchten gezielt nach „guten Graskampflächen“ für die Nachtlager.
Die Open Range-Ära
Rancher ließen ihre Rinder frei auf der offenen Prärie weiden. Das Süßgras war „kostenloses Futter“ – Millionen Hektar gehörten niemandem. Rinder konnten sich das ganze Jahr über selbst versorgen.
Überweidung und Dürre
Zu viele Rinder auf zu wenig Land. Das Süßgras wurde abgefressen, bevor es sich regenerieren konnte. Der harte Winter 1886/87 tötete Millionen Rinder – es gab kein Gras mehr unter dem Schnee.
Umwandlung in Ackerland
Die Tallgrass Prairie wurde fast vollständig in Ackerland umgewandelt. Von den ursprünglichen 68 Millionen Hektar Tallgrass Prairie existieren heute weniger als 4% – eine der am stärksten gefährdeten Ökosysteme der Welt.
Süßgras als Lebensgrundlage der Plains-Indianer
Lange bevor Cowboys über die Prärie ritten, nutzten die Plains-Indianer das Süßgras auf vielfältige Weise. Für sie war es mehr als nur Viehfutter – es war Teil ihrer Kultur und ihres Überlebens.
🏕️ Verwendung von Süßgras durch Indianer
Räucherritual
Sweetgrass (Hierochloe odorata) wurde getrocknet und zu Zöpfen geflochten. Beim Verbrennen verströmte es einen süßen Duft – ein heiliges Reinigungsritual.
Flechtmaterial
Lange Gräser wurden zu Körben, Matten und sogar zu Teilen von Tipis verarbeitet. Besonders bei den Lakota und Cheyenne beliebt.
Medizinpflanze
Verschiedene Gräser wurden als Tee aufgebrüht – gegen Husten, Fieber und Magenbeschwerden. Das Wissen wurde von Medizinmännern gehütet.
Pferde-Futter
Das Gras war so hoch, dass ein Mann zu Pferd darin verschwinden konnte. Es wogte im Wind wie das Meer – ein endloses Meer aus Gold und Grün. Und es ernährte Millionen.
— Beschreibung der Tallgrass Prairie durch einen Siedler, 1850er Jahre
Die Zerstörung der Graslandschaften
Was Jahrtausende überdauert hatte, wurde innerhalb von 50 Jahren nahezu ausgelöscht. Die Umwandlung der Great Plains von Grasland in Ackerland gehört zu den dramatischsten Landschaftsveränderungen der Menschheitsgeschichte.
Der Stahlpflug
John Deeres Stahlpflug (1837) konnte die tiefen Wurzeln der Präriegräser durchschneiden. Was vorher unmöglich war, wurde plötzlich einfach – und profitabel.
Homestead Act (1862)
Jeder Siedler bekam 160 Acres Land – kostenlos. Die Bedingung: Es musste „kultiviert“ werden. Millionen Hektar Grasland wurden umgepflügt.
Die Eisenbahn
Die transkontinentalen Eisenbahnen brachten Siedler und Pflüge in die entlegensten Winkel der Plains. Wo vorher Gras war, wuchs plötzlich Weizen.
Überweidung
In den 1880ern grasten zu viele Rinder auf den Plains. Das Gras hatte keine Zeit, sich zu regenerieren. Erosion war die Folge.
Unterdrückung von Präriebränden
Natürliche Präriebrände – überlebensnotwendig für die Gräser – wurden von Siedlern bekämpft. Das Ökosystem geriet aus dem Gleichgewicht.
Die Dust Bowl (1930er)
Der Höhepunkt der Zerstörung. Ohne die tief wurzelnden Gräser verwandelte sich die Prärie in eine Staubwüste. Millionen Menschen flohen.
Süßgras heute – Erhaltung und Wiederherstellung
Heute erkennt man den Wert der ursprünglichen Graslandschaften. Wo einst 68 Millionen Hektar Tallgrass Prairie existierten, sind heute nur noch etwa 1,6 Millionen Hektar übrig – weniger als 4%.
Tallgrass Prairie National Preserve
In Kansas schützt dieser Nationalpark eines der letzten intakten Tallgrass-Gebiete. Besucher können sehen, wie die Prärie vor 200 Jahren aussah.
Bison-Wiederansiedlung
In mehreren Schutzgebieten werden Bisons wieder angesiedelt – um das Ökosystem zu restaurieren. Die Gräser profitieren von der Beweidung.
Prairie Restoration Projects
Landwirte und Naturschützer säen native Präriegräser wieder aus. Ein mühsamer Prozess – aber die Gräser kehren zurück.
Wissenschaftliche Forschung
Botaniker erforschen die Anpassungsfähigkeit der Präriegräser an den Klimawandel. Sie könnten Lösungen für die Zukunft bieten.
Fazit: Das vergessene Erbe des Wilden Westens
Wenn wir an den Wilden Westen denken, sehen wir Revolverduellen, Cattle Drives und einsame Cowboys. Doch all das wäre ohne das Süßgras der Great Plains unmöglich gewesen. Es ernährte die Bisons der Indianer, die Pferde der Cowboys und die Millionen Rinder auf ihrem Weg nach Norden.
Das Süßgras war die unsichtbare Grundlage einer ganzen Ära – ein grünes Meer, das sich von Horizont zu Horizont erstreckte. Heute ist dieses Meer fast verschwunden, umgepflügt und überbaut. Doch in den wenigen verbliebenen Präriegebieten kann man noch erahnen, was die ersten Siedler sahen: ein endloses Grasland, das im Wind wogt wie die Wellen des Ozeans.
Das Süßgras war mehr als nur Futter – es war das grüne Gold, auf dem der Wilde Westen gebaut wurde.
Letzte Bearbeitung am Sonntag, 4. Januar 2026 – 10:43 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.
