Pat Garrett: Der Mann, der Billy the Kid erschoss – Biografie des umstrittenen Sheriffs
Am 14. Juli 1881 fiel ein Schuss in der Dunkelheit von Fort Sumner, New Mexico – und mit ihm starb eine Legende. Pat Garrett, der Sheriff von Lincoln County, hatte soeben den berüchtigtsten Gesetzlosen des Westens getötet: Billy the Kid. Doch während Billy zum unsterblichen Mythos wurde, blieb Garrett eine widersprüchliche Figur: Gefeiert als Held, verdammt als Verräter, und letztlich selbst Opfer einer ungeklärten Gewalttat. Seine Geschichte ist die eines Mannes, der zwischen den Welten stand – zwischen Gesetz und Gesetzlosigkeit, zwischen Freundschaft und Pflicht.
Patrick Floyd Jarvis Garrett
Sheriff, Zollbeamter, Rancher – und der Mann, der Billy the Kid tötete
Die frühen Jahre: Von Alabama nach New Mexico
Pat Garrett wurde am 5. Juni 1850 in Chambers County, Alabama, geboren. Seine Familie zog 1856 nach Louisiana, wo sein Vater eine Plantage kaufte. Nach dem Tod des Vaters 1868 brach der junge Pat nach Westen auf – zunächst nach Texas, wo er als Cowboy und Büffeljäger arbeitete.
🌾 Von der Plantage in die Wildnis
Garrett wuchs in einer wohlhabenden Südstaaten-Familie auf, verlor aber früh seinen Vater. Statt die Plantage zu übernehmen, zog er es vor, sein Glück im Westen zu suchen – eine Entscheidung, die sein Leben für immer prägen sollte. Seine Größe von fast zwei Metern machte ihn zu einer imposanten Erscheinung, die Respekt einflößte.
In den 1870er Jahren kam Garrett nach New Mexico Territory, wo er zunächst als Cowboy auf der Ranch von Pete Maxwell arbeitete. Später eröffnete er einen Saloon in Fort Sumner – genau dort, wo er Jahre später Billy the Kid töten sollte. In dieser Zeit lernte er auch William H. Bonney kennen, der später als Billy the Kid berühmt werden sollte.
Patrick Floyd Jarvis Garrett
Sheriff von Lincoln County (1880–1882)
Der Weg zum Sheriff: Lincoln County War
Die späten 1870er Jahre waren eine Zeit des Chaos in Lincoln County, New Mexico. Der berüchtigte Lincoln County War (1878–1881) – ein blutiger Konflikt zwischen rivalisierenden Geschäftsleuten und ihren bewaffneten Anhängern – hatte die Region in einen rechtsfreien Raum verwandelt. Billy the Kid kämpfte auf der Seite der „Regulators“ und wurde zum meistgesuchten Mann der Region.
⚔️ Der Lincoln County War
Der Konflikt begann 1878 als Geschäftsstreit zwischen zwei Händlergruppen und eskalierte zu einem regelrechten Krieg mit über 20 Toten. Billy the Kid wurde Teil der „Regulators“, einer Bürgerwehr, die gegen die etablierte Murphy-Dolan-Fraktion kämpfte. Der Konflikt endete erst mit der Intervention der US-Armee und der Ernennung von Lew Wallace zum Gouverneur.
Im November 1880 wurde Pat Garrett zum Sheriff von Lincoln County gewählt – mit dem ausdrücklichen Auftrag, Billy the Kid und seine Bande zur Strecke zu bringen. Ironischerweise waren Garrett und Billy einst Bekannte gewesen, hatten zusammen Karten gespielt und getrunken. Doch Garrett war ein Mann des Gesetzes geworden, und Billy war auf der falschen Seite.
Die Jagd auf Billy the Kid
Als Sheriff machte sich Pat Garrett sofort daran, Billy the Kid zu jagen. Mit einer Deputierten-Gruppe verfolgte er Billy und seine Bande durch das raue Territorium von New Mexico. Die Jagd war gefährlich – Billy war ein geschickter Schütze und kannte das Gelände wie seine Westentasche.
Garrett wird Sheriff
Pat Garrett wird zum Sheriff von Lincoln County gewählt. Seine Hauptaufgabe: Billy the Kid fassen. Die beiden kennen sich aus früheren Tagen, doch das spielt jetzt keine Rolle mehr.
Schießerei in Fort Sumner
Garrett und seine Männer stellen Billys Bande in Fort Sumner. Im Gefecht wird Tom O’Folliard, ein enger Freund Billys, tödlich getroffen. Billy entkommt.
Belagerung bei Stinking Springs
Garrett spürt die Bande in einer verlassenen Hütte auf. Nach einer Belagerung ergibt sich Billy the Kid am nächsten Morgen. Charlie Bowdre wird erschossen.
Billys spektakuläre Flucht
Billy the Kid wird zum Tode verurteilt und im Gerichtsgebäude von Lincoln festgehalten. Er tötet zwei Wachen und entkommt – eine Demütigung für Sheriff Garrett.
Der tödliche Schuss
Garrett erschießt Billy the Kid im Schlafzimmer von Pete Maxwell in Fort Sumner. Billy stirbt sofort. Die Legende ist geboren – und Garrett wird berühmt.
Die Gefangennahme bei Stinking Springs
Die entscheidende Konfrontation fand am 23. Dezember 1880 in einer verlassenen Steinhütte bei Stinking Springs statt. Garrett und seine Deputierten umstellten das Gebäude in der Nacht. Als am Morgen Charlie Bowdre aus der Tür trat, wurde er erschossen – die Deputierten hatten ihn für Billy gehalten. Nach stundenlanger Belagerung ergab sich Billy the Kid schließlich.
⚠️ Die Gefangennahme war umstritten
Kritiker warfen Garrett vor, Bowdre kaltblütig erschossen zu haben, obwohl dieser sich vielleicht ergeben wollte. Garrett verteidigte sein Vorgehen als notwendig – die Bande war bewaffnet und gefährlich. Die Debatte über seine Methoden begleitete ihn sein Leben lang.
14. Juli 1881: Die Nacht in Fort Sumner
Nach seiner spektakulären Flucht aus dem Gerichtsgebäude von Lincoln am 28. April 1881 – bei der Billy the Kid zwei Wachen tötete – war der Gesetzlose wieder auf freiem Fuß. Doch Pat Garrett gab nicht auf. Er erhielt einen Tipp, dass Billy sich in der Gegend von Fort Sumner aufhielt, möglicherweise bei seinem alten Freund Pete Maxwell.
Die tödliche Begegnung
Am Abend des 14. Juli 1881 kamen Garrett und zwei Deputierte nach Fort Sumner. Gegen Mitternacht betraten sie das Schlafzimmer von Pete Maxwell, um ihn über Billys Aufenthaltsort zu befragen. Garrett saß auf Maxwells Bett, als plötzlich eine Gestalt barfuß und im Unterhemd den Raum betrat.
Billy the Kid hatte draußen mit Freunden gesessen und war hereingekommen, um sich ein Stück Fleisch zu holen. Im Dunkeln erkannte er die fremden Männer nicht. „Quién es? Quién es?“ (Wer ist da?) fragte er auf Spanisch – und zog sein Messer. Garrett erkannte die Stimme sofort und feuerte zweimal. Der erste Schuss traf Billy direkt ins Herz. Er war auf der Stelle tot. Er war 21 Jahre alt.
Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, aber ich erkannte seine Stimme. Ich wusste sofort, dass es Billy war. Er fragte in einem leisen Ton: „Quién es? Quién es?“ – zu diesem Zeitpunkt war er nicht mehr als drei Fuß von mir entfernt. Ich zog meine Pistole und feuerte, warf mich zur Seite und feuerte erneut. Der zweite Schuss war umsonst; der erste hatte ihn getötet.
— Pat Garrett, aus „The Authentic Life of Billy, the Kid“ (1882)
War es Mord oder Notwehr?
Die Umstände von Billys Tod wurden sofort kontrovers diskutiert. Garrett behauptete, Billy habe eine Waffe gezogen – andere Zeugen sagten, er hatte nur ein Messer. Manche beschuldigten Garrett, Billy aus dem Hinterhalt erschossen zu haben, ohne ihm eine Chance zur Ergebung zu geben.
❌ Mythos: Garrett ermordete Billy
• Billy war unbewaffnet (nur ein Messer)
• Garrett schoss ohne Warnung
• Billy hätte sich ergeben
• Es war ein Hinterhalt, kein fairer Kampf
• Garrett handelte aus persönlicher Rache
✓ Realität: Komplexe Situation
• Billy war ein bewaffneter Flüchtling
• Garrett konnte im Dunkeln keine Risiken eingehen
• Billy hatte Wachen getötet bei seiner Flucht
• Garrett handelte im Rahmen seiner Pflicht
• Die Situation eskalierte in Sekunden
Nach Billy the Kid: Ruhm und Niedergang
Die Erschießung von Billy the Kid machte Pat Garrett über Nacht berühmt. Doch statt des erhofften Heldenstatus erlebte er eine gemischte Reaktion. Während manche ihn als tapferen Gesetzeshüter feierten, sahen andere in ihm einen Verräter, der einen ehemaligen Freund getötet hatte.
Autor (1882)
Garrett schrieb „The Authentic Life of Billy, the Kid“ – ein Bestseller, der aber mehr Mythen schuf als aufklärte. Das Buch sollte seine Version der Geschichte festigen.
Zollbeamter (1901–1905)
Präsident Theodore Roosevelt ernannte ihn zum Zollinspektor in El Paso. Garrett geriet in Korruptionsvorwürfe und verlor den Posten nach vier Jahren.
Rancher & Geschäftsmann
Garrett versuchte sich als Rancher, hatte aber wenig Erfolg. Finanzielle Probleme plagten ihn bis zu seinem Tod. Sein Ruhm brachte ihm keine Sicherheit.
Glücksspieler
Garrett hatte eine Schwäche für Glücksspiel und Alkohol. Seine Ehe litt darunter, und er machte Schulden. Der einstige Held verfiel zusehends.
Die vergebliche Suche nach Anerkennung
Obwohl Pat Garrett Billy the Kid gefasst hatte, wurde ihm die versprochene Belohnung von 500 Dollar zunächst verweigert – ein bürokratischer Streit, der Jahre dauerte. Auch politisch hatte er wenig Erfolg. 1896 verlor er die Wahl zum Sheriff von Doña Ana County deutlich. Seine Vergangenheit als „Mann, der Billy erschoss“ war zu einem zweischneidigen Schwert geworden.
💰 Finanzielle Probleme trotz Ruhm
Garrett verdiente an seinem Buch über Billy the Kid kaum etwas – der Ghostwriter Ash Upson behielt die meisten Einnahmen. Seine Ranchgeschäfte liefen schlecht, und er musste mehrfach Land verkaufen, um Schulden zu bezahlen. Der berühmte Sheriff starb praktisch mittellos.
29. Februar 1908: Garretts mysteriöser Tod
Am 29. Februar 1908 – einem Schalttag – wurde Pat Garrett auf einer einsamen Straße nahe Las Cruces, New Mexico, erschossen. Er war 57 Jahre alt. Die Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt und Gegenstand von Spekulationen.
Der letzte Tag
Garrett war mit seinem Nachbarn Carl Adamson unterwegs, um über den Verkauf von Garretts Ranch zu verhandeln. Sie trafen auf Wayne Brazel, einen Pächter, der auf Garretts Land Ziegen hielt – sehr zum Ärger des Sheriffs. Es kam zu einem Streit.
Plötzlich fielen Schüsse. Garrett wurde zweimal getroffen – einmal in den Hinterkopf, einmal in die Brust. Er starb am Straßenrand. Wayne Brazel stellte sich der Polizei und behauptete, in Notwehr gehandelt zu haben. Er wurde freigesprochen.
Verschwörungstheorien und offene Fragen
Viele glaubten nicht an Brazels Version. Die Schusswunde im Hinterkopf deutete auf einen Hinterhalt hin. War es Mord? Und wenn ja, wer steckte dahinter?
Theorie 1: Landstreit
Brazel und Garrett stritten über Weideland. Ein mächtiger Rancher namens W.W. Cox könnte Brazel beauftragt haben, Garrett zu töten.
Theorie 2: Rache
Freunde oder Verwandte von Billy the Kid könnten nach 27 Jahren Rache genommen haben – eine späte, aber bittere Vergeltung.
Theorie 3: Politische Feinde
Garrett hatte sich mit mächtigen Leuten angelegt. Seine Zeit als Zollbeamter hatte ihm einflussreiche Feinde eingebracht.
Theorie 4: Notwehr
Brazels Version: Garrett griff nach seiner Waffe, und Brazel schoss in Panik. Das Gericht glaubte ihm – oder wollte es glauben.
⚠️ Ein ungeklärter Mord
Bis heute ist Pat Garretts Tod nicht abschließend geklärt. 2008, hundert Jahre nach seinem Tod, veröffentlichte der Autor W.C. Jameson ein Buch, das behauptete, Jim Miller – ein berüchtigter Auftragskiller – habe Garrett im Auftrag von W.W. Cox erschossen. Beweise dafür gibt es keine. Die Wahrheit starb mit den Beteiligten.
Pat Garretts Vermächtnis: Held oder Verräter?
Die Geschichte hat Pat Garrett nicht freundlich behandelt. Während Billy the Kid zum romantischen Outlaw-Helden wurde, blieb Garrett die zwielichtige Figur – der Mann, der einen Freund erschoss, um berühmt zu werden. Doch diese Sichtweise ist zu simpel.
Mann des Gesetzes
Garrett war gewählter Sheriff mit dem Auftrag, Billy zu fassen. Er tat seine Pflicht in einer gesetzlosen Zeit und brachte einen gefährlichen Kriminellen zur Strecke.
Gebrochener Mann
Nach Billys Tod fand Garrett nie wirklichen Frieden. Finanzielle Probleme, Alkohol, gescheiterte Geschäfte – sein Leben war ein langsamer Abstieg.
Mythenschöpfer
Sein Buch über Billy the Kid prägte die Legende mehr als jede andere Quelle. Garrett half, den Mythos zu erschaffen, der ihn dann überschattete.
Tragische Figur
Garrett war gefangen zwischen zwei Welten: zu hart für die zivilisierte Gesellschaft, zu zahm für die Wildnis. Er passte nirgendwo hin.
In der Populärkultur
Pat Garrett wurde in unzähligen Filmen, Büchern und Liedern dargestellt – fast immer als Antagonist zu Billy the Kids Heldenfigur. Sam Peckinpahs Film „Pat Garrett jagt Billy the Kid“ (1973) mit James Coburn zeigte ihn als desillusionierte, tragische Figur – vielleicht die nuancierteste Darstellung.
Garrett tötete den Jungen, aber er tötete auch einen Teil von sich selbst. Er lebte noch 27 Jahre, aber er war nie wieder derselbe Mann. Der Schuss in Fort Sumner hallte sein ganzes Leben nach.
— Frederick Nolan, Billy the Kid-Historiker
Fazit: Ein Mann zwischen den Zeiten
Pat Garrett war ein Mann, der zwischen den Zeiten gefangen war. Geboren in der alten Südstaatenwelt, aufgewachsen in der Wildnis des Westens, versuchte er, in einer sich modernisierenden Gesellschaft Fuß zu fassen – und scheiterte. Seine Erschießung von Billy the Kid sollte sein Ruhmesblatt werden, wurde aber zu seinem Fluch.
Er war kein strahlender Held und kein skrupelloser Mörder – er war ein komplizierter Mann in einer komplizierten Zeit. Ein Sheriff, der seine Pflicht tat, aber den Preis dafür sein Leben lang zahlte. Ein Freund, der zum Feind wurde. Ein berühmter Mann, der in Armut starb. Ein Gesetzeshüter, der selbst Opfer von Gewalt wurde.
Vielleicht ist die größte Ironie, dass Pat Garrett und Billy the Kid im Tod vereint sind – beide Opfer der Gewalt des Wilden Westens, beide zu Legenden geworden, beide missverstanden. Garrett wollte als der Mann in Erinnerung bleiben, der Ordnung in ein gesetzloses Land brachte. Stattdessen wurde er für immer „der Mann, der Billy the Kid erschoss“ – nicht mehr und nicht weniger.
Sein ungeklärter Tod 1908 war ein bitteres Ende für einen Mann, der sein Leben dem Gesetz gewidmet hatte. Doch vielleicht war es auch passend: Im Wilden Westen endeten viele Geschichten mit einem Schuss aus dem Hinterhalt und unbeantworteten Fragen. Pat Garrett lebte nach den Regeln dieser rauen Zeit – und starb nach ihnen.
Letzte Bearbeitung am Sonntag, 4. Januar 2026 – 11:40 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.
