Die Donner Party: Kannibalismus in der Sierra Nevada – Die tragischste Siedler-Geschichte des Westens
Die Geschichte der Donner Party ist die dunkelste und tragischste Erzählung der amerikanischen Westwanderung. Im Winter 1846/47 blieb eine Gruppe von 87 Siedlern in der Sierra Nevada eingeschneit – und nur 48 überlebten. Was folgte, war ein Kampf ums Überleben, der die Überlebenden zu unvorstellbaren Entscheidungen zwang: Kannibalismus wurde zur letzten Option zwischen Leben und Tod. Diese Geschichte zeigt die brutale Realität hinter dem romantischen Bild der Pioniere.
Die Donner Party Tragödie
Der dunkelste Kapitel der amerikanischen Westwanderung (1846–1847)
Der Traum von Kalifornien – Wie alles begann
Im Frühjahr 1846 machten sich die Familien Donner und Reed aus Springfield, Illinois, auf den Weg nach Kalifornien. Sie waren Teil der großen Westwanderung – Tausende von Siedlern, die dem Versprechen von fruchtbarem Land und einem neuen Leben folgten. Die Gruppe bestand aus wohlhabenden Farmern, die mit prächtigen Planwagen, reichlich Vorräten und großen Hoffnungen starteten.
George Donner, ein 62-jähriger Farmer, führte die Gruppe zusammen mit seinem Bruder Jacob und dem wohlhabenden James Reed an. Niemand ahnte, dass ihr Name für immer mit einer der schrecklichsten Tragödien des Wilden Westens verbunden sein würde.
🗺️ Die Route nach Kalifornien
Geplante Route: Springfield, Illinois → Independence, Missouri → Fort Bridger → Sacramento, Kalifornien
Geplante Dauer: 4–5 Monate
Distanz: Etwa 4.000 Kilometer
Startdatum: April 1846
Die fatale Entscheidung: Der Hastings Cutoff
Am 20. Juli 1846 erreichte die Gruppe Fort Bridger in Wyoming. Hier machte die Donner Party die Entscheidung, die ihr Schicksal besiegeln sollte: Sie folgten dem Rat des Abenteurers Lansford Hastings und nahmen eine „Abkürzung“ – den sogenannten Hastings Cutoff.
Hastings hatte in seinem Buch „The Emigrants‘ Guide to Oregon and California“ eine neue Route beschrieben, die angeblich 560 Kilometer sparen sollte. Was er nicht erwähnte: Er selbst hatte diese Route nie mit Planwagen getestet. Es war eine unerprobte Strecke durch die Wasatch Mountains und die Great Salt Lake Desert.
⚠️ Warnungen wurden ignoriert
Mehrere erfahrene Trapper und Scouts warnten die Donner Party vor dem Hastings Cutoff. James Clyman, ein alter Freund von James Reed, riet dringend ab: „Nehmt die bewährte Route. Hastings‘ Weg ist Selbstmord.“
Doch die Gruppe folgte dem Versprechen einer kürzeren Route – eine Entscheidung, die sie Wochen kostete, statt Zeit zu sparen.
Der Albtraum beginnt: Durch die Wüste
Der Hastings Cutoff entpuppte sich als Katastrophe. Statt einer einfachen Abkürzung mussten die Siedler durch dichtes Unterholz und steile Bergpässe kämpfen. Was normalerweise eine Woche dauerte, kostete sie einen ganzen Monat.
Dann folgte die Great Salt Lake Desert – 130 Kilometer wasserloses Ödland. Die Ochsen kollabierten, Planwagen mussten zurückgelassen werden, Vorräte gingen verloren. Als sie die Wüste durchquert hatten, waren sie physisch und mental erschöpft – und hoffnungslos im Rückstand.
Die Chronologie der Katastrophe
Was folgte, war eine Kette von Verzögerungen, Konflikten und schlechten Entscheidungen, die die Donner Party immer tiefer ins Unglück stürzten.
Fort Bridger – Die fatale Entscheidung
Die Donner Party verlässt die bewährte Route und nimmt den Hastings Cutoff. Die Gruppe besteht zu diesem Zeitpunkt aus 87 Personen in 23 Planwagen.
Wasatch Mountains – Verloren im Gebirge
Die Gruppe kämpft sich durch dichtes Unterholz und steile Canyons. Sie müssen mit Äxten eine Straße durch den Wald schlagen – 1,5 Kilometer pro Tag.
Der Mord an John Snyder
Nach einem Streit ersticht James Reed den Teamster John Snyder. Reed wird aus der Gruppe verbannt und muss allein weiterziehen – seine Familie bleibt zurück.
Erste Tote durch Erschöpfung
Der ältere Halloran und der erschöpfte Hardkoop sterben. Die Gruppe ist demoralisiert, die Vorräte schwinden, und der Winter naht.
Der erste Schnee fällt
Die Gruppe erreicht Truckee Lake (heute Donner Lake) am Fuß der Sierra Nevada. Ein Schneesturm zwingt sie zum Halt – nur 240 Kilometer von ihrem Ziel Sacramento entfernt.
Eingeschneit – Die Falle schnappt zu
Weitere Schneestürme machen ein Weiterkommen unmöglich. Die Gruppe baut notdürftige Hütten am See. Der Schnee wird bis zu 7 Meter hoch.
Die „Forlorn Hope“ Expedition
15 Menschen, darunter 2 Frauen, brechen mit selbstgemachten Schneeschuhen auf, um Hilfe zu holen. Nur 7 werden es schaffen – nach 33 Tagen im Schnee.
Der Hunger setzt ein
Die Vorräte sind aufgebraucht. Die Menschen essen Leder, Knochen, Baumrinde. Die ersten sterben an Hunger und Kälte. Verzweiflung macht sich breit.
Kannibalismus wird zur Realität
Die Überlebenden treffen die unvorstellbare Entscheidung: Sie beginnen, die Leichen der Verstorbenen zu essen. Es ist die einzige Möglichkeit zu überleben.
Erste Rettungsgruppe erreicht das Lager
Eine Gruppe von 7 Männern erreicht das Lager. Sie finden ausgemergelte, halb wahnsinnige Menschen vor. 23 können evakuiert werden, die anderen sind zu schwach.
Weitere Rettungsversuche
Drei weitere Expeditionen holen nach und nach die Überlebenden. Die letzten werden am 21. April 1847 gerettet – nach 5 Monaten im Schnee.
Die Schlüsselfiguren der Donner Party
George Donner
Anführer der Gruppe
James Reed
Wohlhabender Wagenbauer
Virginia Reed
13-jährige Überlebende
Lewis Keseberg
Umstrittenster Überlebender
Die unvorstellbare Realität: Kannibalismus in der Sierra Nevada
Im Januar 1847 waren die Vorräte vollständig aufgebraucht. Die Donner Party hatte alles gegessen: die Ochsen, die Hunde, sogar Leder von Schuhen und Gürteln. Die Menschen waren zu Skeletten abgemagert, kaum noch fähig zu stehen. Und dann begannen die ersten zu sterben.
Was folgte, ist das dunkelste Kapitel der Geschichte: Die Überlebenden begannen, die Leichen der Verstorbenen zu essen. Es war keine Entscheidung aus Bösartigkeit – es war die einzige Möglichkeit zu überleben.
Die Regeln des Überlebens
Die Überlebenden der Donner Party entwickelten ungeschriebene Regeln, um mit dem Unvorstellbaren umzugehen:
Regel 1: Keine Verwandten
Niemand aß seine eigenen Familienmitglieder. Die Leichen wurden zwischen den Gruppen „getauscht“.
Regel 2: Nur Verstorbene
Es gibt keine bestätigten Fälle von Mord zum Zweck des Kannibalismus – nur bereits Verstorbene wurden gegessen.
Regel 3: Schweigen
Die Namen der Verstorbenen wurden nicht genannt. Man sprach von „dem Fleisch“, nicht von Menschen.
Regel 4: Scham und Trauma
Viele Überlebende sprachen nie wieder über das, was geschehen war. Die psychischen Folgen waren verheerend.
📊 Die Überlebensrate nach Gruppen
Männer: 5 von 15 überlebten (33%)
Frauen: 10 von 15 überlebten (67%)
Kinder unter 5 Jahren: 1 von 8 überlebte (12,5%)
Kinder 6-12 Jahre: 11 von 14 überlebten (78%)
Jugendliche 13-20 Jahre: 7 von 12 überlebten (58%)
Die „Forlorn Hope“ Expedition – 33 Tage durch die Hölle
Am 16. Dezember 1846 brachen 15 Menschen – 10 Männer, 5 Frauen – mit selbstgebauten Schneeschuhen auf, um Hilfe zu holen. Sie nannten sich selbst die „Forlorn Hope“ (Verlorene Hoffnung). Was folgte, war ein 33-tägiger Todeskampf durch die verschneiten Berge.
Sie hatten Rationen für 6 Tage. Nach 10 Tagen war alles aufgebraucht. Die ersten starben. Und auch hier begann der Kannibalismus – unter freiem Himmel, im eisigen Schneesturm.
Tag 1-6
Aufbruch mit Hoffnung. Die Gruppe macht gute Fortschritte durch den tiefen Schnee.
Tag 7-10
Die Rationen sind aufgebraucht. Hunger setzt ein. Die Gruppe ist erschöpft.
Tag 11-15
Die ersten sterben. Die Überlebenden treffen die schreckliche Entscheidung.
Tag 16-25
Weitere Tote. Die Gruppe ist halb wahnsinnig vor Hunger und Kälte.
Tag 26-33
Nur noch 7 sind am Leben. Sie erreichen eine indianische Siedlung – gerettet.
Ergebnis
Von 15 Gestarteten überlebten nur 7. Alle Frauen überlebten, 5 von 10 Männern starben.
Die Rettungsexpeditionen – Helden in den Bergen
Als die Nachricht von der eingeschneiten Donner Party Sacramento erreichte, organisierten sich sofort Rettungsexpeditionen. Doch der tiefe Schnee und die eisigen Temperaturen machten jede Rettung zu einem lebensgefährlichen Unterfangen.
Als wir das Lager erreichten, bot sich uns ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Ausgemergelte Gestalten krochen aus notdürftigen Hütten. Ihre Augen waren eingefallen, ihre Gesichter wie Totenköpfe. Überall lagen Leichen im Schnee. Einige waren… angenagt worden. Es war wie eine Vision der Hölle.
— Daniel Rhoads, Mitglied der ersten Rettungsexpedition, Februar 1847
Mythos vs. Realität: Was wirklich geschah
❌ Mythos
„Die Donner Party tötete Menschen, um sie zu essen“
Diese Behauptung wurde besonders gegen Lewis Keseberg erhoben und durch sensationslüsterne Zeitungsberichte verbreitet.
„Alle wurden zu Kannibalen“
Die Vorstellung, dass alle Mitglieder der Gruppe Kannibalismus praktizierten, ist falsch und stigmatisierte die Überlebenden.
„Sie waren unvorbereitet und dumm“
Die Donner Party wird oft als inkompetent dargestellt, was der Realität nicht gerecht wird.
✅ Realität
Nur Verstorbene wurden gegessen
Es gibt keine glaubwürdigen Beweise für Mord. Die Menschen aßen nur bereits Verstorbene – aus purer Verzweiflung.
Viele verweigerten sich bis zum Tod
Mehrere Menschen, darunter Tamsen Donner, weigerten sich bis zum Ende und starben lieber, als Kannibalismus zu praktizieren.
Sie waren gut ausgerüstet
Die Donner Party war wohlhabend und gut vorbereitet. Sie wurden Opfer einer Kette unglücklicher Umstände und schlechter Entscheidungen.
Die psychologischen Folgen – Ein Leben nach der Hölle
Die Überlebenden der Donner Party trugen lebenslange Traumata davon. Viele sprachen nie wieder über das Erlebte. Andere wurden von Schuldgefühlen und Albträumen geplagt.
Virginia Reed, die als 13-Jährige überlebte, schrieb später: „Nehmt niemals Abkürzungen und beeilt euch so schnell wie möglich entlang der alten Route.“ Sie lebte bis 1921 und wurde 98 Jahre alt, sprach aber nur selten über die Ereignisse.
Lewis Keseberg, der als letzter gerettet wurde und am meisten beschuldigt wurde, verklagte später mehrere Zeitungen wegen Verleumdung. Er gewann einige Prozesse, aber sein Ruf war für immer ruiniert. Er starb 1895 in Armut und Isolation.
Das Vermächtnis der Donner Party
Die Geschichte der Donner Party wurde zum Mahnmal für die Gefahren der Westwanderung. Sie zeigte die brutale Realität hinter dem romantischen Bild des „Manifest Destiny“ – dem Glauben, dass es Amerikas gottgegebenes Recht sei, den Kontinent zu besiedeln.
🏛️ Historische Bedeutung
Warnung für künftige Siedler: Die Tragödie führte dazu, dass Abkürzungen gemieden und bewährte Routen bevorzugt wurden.
Medizinische Erkenntnisse: Die Überlebensraten lieferten Daten über Hunger, Kälte und Überlebensfähigkeit.
Kulturelles Symbol: Die Donner Party wurde zum Symbol für die dunkle Seite des amerikanischen Traums.
Archäologische Funde: Das Lager am Donner Lake wurde in den 1980er Jahren ausgegraben und lieferte neue Erkenntnisse.
Donner Memorial State Park – Ein Ort der Erinnerung
Heute steht am Donner Lake in Kalifornien ein Gedenkstein – 22 Fuß (6,7 Meter) hoch, genau so hoch wie der Schnee im Winter 1846/47. Der Donner Memorial State Park erinnert an die 39 Menschen, die dort starben.
Besucher können die Stelle sehen, wo die Hütten standen. Ein Museum erzählt die Geschichte ohne Sensationsgier – mit Respekt für die Opfer und die Überlebenden. Die Inschrift auf dem Denkmal lautet: „Virile to risk and find; kindly withal and a ready help. Facing the brunt of fate; indomitable, unafraid.“
Fazit: Die tragischste Geschichte des Westens
Die Donner Party ist mehr als eine Geschichte über Kannibalismus – sie ist eine Geschichte über menschliches Leiden, unmögliche Entscheidungen und die Grenzen des Überlebens. 87 Menschen brachen auf, um den amerikanischen Traum zu leben. 39 starben einen grausamen Tod in den Bergen. 48 überlebten – aber trugen die Narben für den Rest ihres Lebens.
Die Tragödie zeigt die brutale Wahrheit über die Westwanderung: Es war kein romantisches Abenteuer, sondern ein lebensgefährliches Wagnis. Eine falsche Entscheidung, eine Verkettung unglücklicher Umstände – und aus Pionieren wurden Opfer.
Die Geschichte der Donner Party erinnert uns daran, dass hinter den großen historischen Ereignissen immer Menschen stehen – mit Hoffnungen, Ängsten und dem verzweifelten Willen zu überleben. Manchmal um jeden Preis.
Letzte Bearbeitung am Sonntag, 4. Januar 2026 – 11:57 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.
