Der Saloon: Herz und Seele der Western-Stadt
Der Saloon war weit mehr als nur eine Kneipe – er war das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum jeder Western-Stadt. Hier wurden Geschäfte gemacht, Nachrichten ausgetauscht, Streitigkeiten ausgetragen und Geschichte geschrieben. Von Dodge City bis Tombstone: Kein Ort verkörperte den Wilden Westen so sehr wie der Saloon mit seinen Schwingtüren, dem langen Tresen und dem unvermeidlichen Poker-Tisch in der Ecke.
Der Saloon im Wilden Westen
Mehr als nur eine Kneipe – das soziale Zentrum der Frontier
Die Ursprünge des Western-Saloons
Das Wort „Saloon“ stammt vom französischen „salon“ und bezeichnete ursprünglich einen großen Raum oder Saal. In Amerika entwickelte sich daraus ab den 1840er Jahren die Bezeichnung für eine Schankstube – besonders im Westen. Die ersten Saloons waren primitive Angelegenheiten: ein Zelt, ein paar Bretter auf Fässern als Tresen, und Whiskey aus der Flasche.
Mit dem Goldrausch 1849 explodierten die Saloons förmlich aus dem Boden. In San Francisco gab es 1850 bereits über 500 Saloons bei nur 25.000 Einwohnern – ein Saloon pro 50 Menschen! Diese Proportion blieb typisch für den gesamten Wilden Westen: Wo immer Menschen nach Gold, Silber oder Land suchten, folgte der Saloon auf dem Fuß.
🏛️ Vom Zelt zur Institution
Die Entwicklung des Saloons spiegelte die Entwicklung der Western-Stadt wider: Zuerst ein Zelt mit Brettern, dann ein Holzbau mit Segeltuchdach, schließlich ein solides Gebäude mit falscher Fassade. Die großen Cow Towns wie Dodge City oder Tombstone hatten in ihrer Blütezeit prächtige Saloons mit importierten Spiegeln, Mahagoni-Bars und Kristalllüstern – mitten in der staubigen Prärie.
Architektur des Saloons: Mehr Schein als Sein
Die Architektur des typischen Western-Saloons war eine faszinierende Mischung aus Pragmatismus und Theatralik. Von außen sollte er beeindrucken – von innen funktional sein.
Die falsche Fassade
Das markanteste Merkmal: Eine hohe, oft verzierte Frontfassade, die das tatsächliche Gebäude überragte. Sollte Wohlstand und Permanenz signalisieren – dahinter war meist nur ein einfacher Holzbau.
Schwingtüren
Die legendären „Batwing Doors“ – hüfthohe Schwingtüren. Praktisch: Belüftung, Lichteinfall und Übersicht. Man sah, wer kam und ging, ohne die Tür öffnen zu müssen.
Große Fenster
Hohe, oft mit Vorhängen verhängte Fenster. Tageslicht war wichtig – Elektrizität gab es nicht. Nachts sorgten Petroleumlampen für (schlechte) Beleuchtung.
Holzkonstruktion
Meist aus billigem, schnell verfügbarem Holz gebaut. Feuergefahr war enorm – ganze Saloon-Viertel brannten regelmäßig ab und wurden wieder aufgebaut.
Bemalte Schilder
Aufwendig bemalte Holzschilder mit dem Namen des Saloons. Oft das teuerste Einzelstück am ganzen Gebäude – Werbung war wichtig!
Zweiter Stock
Viele Saloons hatten einen zweiten Stock mit Zimmern – für „Dance Hall Girls“, Glücksspiel-Räume oder einfache Übernachtungen.
Innenausstattung: Das Herz des Saloons
Betrat man einen Saloon, gab es bestimmte Elemente, die praktisch überall gleich waren – vom kleinsten Frontier-Zelt bis zum prachtvollsten Etablissement in Dodge City.
Die Standard-Ausstattung eines Saloons
Die Bar
Ein langer Holztresen, oft 15–20 Meter. Die Messing-Fußleiste war Standard – und die Spucknäpfe für Kautabak.
Der Spiegel
Ein großer Spiegel hinter der Bar – oft das wertvollste Stück. Ermöglichte dem Barkeeper, den ganzen Raum im Blick zu behalten.
Gemälde
Oft leicht bekleidete Damen in klassischen Posen – „Kunst“ für die kulturhungrige Frontier. Katalogware aus dem Osten.
Spieltische
Poker, Faro, Monte – Glücksspiel war Haupteinnahmequelle. Professionelle Gambler hatten ihre festen Plätze.
Piano
Meist verstimmt, aber unverzichtbar. Der Piano-Spieler war eine feste Institution – und oft der bestbezahlte Angestellte nach dem Barkeeper.
Tische & Stühle
Einfache Holzmöbel, oft selbst gezimmert. Mussten viel aushalten – Schlägereien waren häufig.
Schrotflinte
Unter der Bar, geladen und griffbereit. Der Barkeeper war oft gleichzeitig Ordnungshüter.
Beleuchtung
Petroleumlampen, später Gaslampen. Rauchig, stinkend, feuergefährlich – aber besser als Kerzen.
Das Angebot: Getränke, Glücksspiel und Gesellschaft
Ein Saloon war weit mehr als eine Trinkstube. Er bot alles, was der einsame Cowboy, Goldgräber oder Siedler nach Wochen in der Wildnis suchte: Gesellschaft, Unterhaltung und Vergessen.
Getränke: Von Rotgut bis Champagner
🥃 Die Wahrheit über Western-Whiskey
Der Whiskey im durchschnittlichen Frontier-Saloon hatte mit modernem Bourbon wenig gemein. Oft wurde billiger Neutralalkohol mit Wasser gestreckt, mit Karamell oder Tabaksaft gefärbt und mit Chilipulver „scharf“ gemacht. Ein Barrel kostete den Saloon-Besitzer $2–3, er verkaufte den Inhalt für $150–200. Kein Wunder, dass manche Whiskey-Sorten Spitznamen wie „Tarantula Juice“, „Red Eye“ oder „Coffin Varnish“ trugen.
Essen: Bescheiden aber vorhanden
Die meisten Saloons boten auch einfache Mahlzeiten an – oft kostenlos für zahlende Gäste. Das berühmte „Free Lunch“ war allerdings nicht ganz kostenlos: Man musste mindestens ein Getränk kaufen, und das Essen war so salzig, dass man zwangsläufig mehr trinken musste.
Typisches Saloon-Essen: Hartgekochte Eier, geräucherter Fisch, Crackers, Käse, eingelegte Zwiebeln, Bohnen und manchmal ein Eintopf. In besseren Etablissements gab es auch warme Mahlzeiten – Steak, Bratkartoffeln, Brot.
Glücksspiel: Die Haupteinnahmequelle
Für viele Saloon-Besitzer war der Alkoholausschank nur Nebensache – das große Geld wurde am Spieltisch gemacht. Glücksspiel war im Wilden Westen allgegenwärtig und weitgehend legal (oder zumindest toleriert).
Poker
Das Spiel der Cowboys und Gambler. Five-Card Draw war Standard. Professionelle Poker-Spieler reisten von Stadt zu Stadt und lebten vom Spiel.
Faro
Das beliebteste Glücksspiel des 19. Jahrhunderts. Einfach, schnell, hohe Einsätze. Praktisch jeder Saloon hatte einen Faro-Tisch.
Craps
Würfelspiel, besonders beliebt bei Cowboys. Konnte überall gespielt werden – auf der Straße, am Tresen, im Hinterzimmer.
Keno
Vorläufer der Lotterie. Spieler wählten Zahlen, ein „Keno Goose“ zog die Gewinnzahlen. Langsam, aber stetige Einnahmen für den Saloon.
Chuck-a-Luck
Drei Würfel in einem Käfig. Einfaches Glücksspiel für Betrunkene – der Hausvorteil war enorm.
Monte
Mexikanisches Kartenspiel, besonders im Südwesten beliebt. Schnell, simpel, oft manipuliert.
Die soziale Funktion des Saloons
Der Saloon war weit mehr als ein Ort zum Trinken und Spielen – er war das soziale Zentrum der Western-Stadt. In einer Zeit ohne Fernsehen, Radio oder Internet erfüllte er Funktionen, die heute auf dutzende Institutionen verteilt sind.
Der Saloon ist die wahre Börse des Westens. Hier werden mehr Geschäfte abgeschlossen als in allen Banken und Kontoren zusammen. Der Barkeeper kennt jeden, weiß alles und vergisst nichts. Er ist Bankier, Berater und Beichtvater in einem – und seine Bar ist der Altar, an dem die Männer der Frontier ihre Sorgen ertränken und ihre Träume schmieden.
— Reisebericht eines Ostküsten-Journalisten, Dodge City 1878
Berühmte Saloons des Wilden Westens
Manche Saloons wurden zu Legenden – entweder wegen ihrer Größe, ihrer Ausstattung oder der Ereignisse, die sich in ihnen abspielten.
Long Branch Saloon
Dodge City, Kansas
Eröffnet: 1874, benannt nach einem Resort in New Jersey
Berühmte Gäste: Wyatt Earp, Bat Masterson, Doc Holliday
Besonderheit: Hatte einen importierten Mahagoni-Tresen und einen 5 Meter langen Spiegel aus Boston
Vermächtnis: Wurde durch die TV-Serie „Gunsmoke“ weltberühmt
Oriental Saloon
Tombstone, Arizona
Eröffnet: 1880, galt als elegantester Saloon Tombstones
Faro-Dealer: Wyatt Earp arbeitete hier als Glücksspiel-Aufseher
Ausstattung: Kristalllüster, Mahagoni-Bar, importierte Spirituosen
Schießerei: Mehrere tödliche Schusswechsel, darunter einer zwischen Wyatt Earp und Johnny Tyler
Bella Union
Deadwood, Dakota Territory
Eröffnet: 1876, zur Zeit des Black Hills Goldrausches
Berühmte Gäste: Wild Bill Hickok (kurz vor seinem Tod), Calamity Jane
Besonderheit: Hatte eine Theaterbühne mit professionellen Varieté-Shows
Heute: Spielte zentrale Rolle in der HBO-Serie „Deadwood“
Crystal Palace
Tombstone, Arizona
Eröffnet: 1879, existiert noch heute als Museum und Bar
Besitzer: Wechselte mehrfach, überlebte aber alle Konkurrenten
Ausstattung: 1880er Original-Interieur teilweise erhalten
Heute: Ältester kontinuierlich betriebener Saloon Arizonas
Die dunkle Seite: Gewalt, Prostitution und Kriminalität
So romantisch der Saloon in Hollywood-Filmen auch dargestellt wird – die Realität war oft brutal. Saloons waren Orte der Gewalt, des Betrugs und der Verzweiflung.
Die Schattenseiten des Saloon-Lebens
Entgegen der Filmklischees waren Saloon-Schießereien selten – aber wenn sie passierten, waren sie tödlich. Meist ging es um Betrug beim Glücksspiel, Beleidigungen oder Frauen.
Schlägereien
Weitaus häufiger als Schießereien. Alkohol, Testosteron und enge Räume – eine explosive Mischung. Manche Saloons hatten täglich Prügeleien.
Betrug
Gezinkte Karten, manipulierte Würfel, betrügerische Faro-Dealer – Glücksspiel-Betrug war allgegenwärtig. Wer erwischt wurde, riskierte sein Leben.
Prostitution
Viele Saloons hatten „Zimmer im Obergeschoss“ oder arbeiteten mit benachbarten Bordellen zusammen. Die „Dance Hall Girls“ waren oft auch Prostituierte.
Drogen
Opium und Laudanum (Opium-Tinktur) waren legal und weit verbreitet. Manche Saloons hatten Opium-Höhlen im Hinterzimmer.
Alkoholismus
Die größte Gefahr. Billige Schnaps und keine soziale Kontrolle führten zu massenhaftem Alkoholismus. Viele Cowboys starben nicht durch Kugeln, sondern durch Alkohol.
Mythos vs. Realität
Hollywood hat unser Bild vom Saloon geprägt – aber wie viel davon entspricht der historischen Wahrheit?
🎬 Der Hollywood-Mythos
- Ständige Schießereien: Kaum ein Western ohne Saloon-Shootout
- Edle Gambler: Gentlemen in schwarzen Anzügen mit Derringer
- Herzensgute Prostituierte: Die Saloon-Girl mit dem goldenen Herzen
- Saubere Saloons: Polierte Bars, glänzende Spiegel, elegante Einrichtung
- Guter Whiskey: Bourbon der Spitzenklasse für jeden
📚 Die historische Realität
- Seltene Schießereien: Waffen wurden meist abgegeben, Schlägereien häufiger als Shootouts
- Professionelle Betrüger: Die meisten Gambler waren Falschspieler, keine Gentlemen
- Harte Realität: Prostitution war Überlebensstrategie, kein romantisches Abenteuer
- Dreckige Realität: Spucknäpfe, Sägemehl auf dem Boden, Gestank von Schweiß und Tabak
- Gepanschter Fusel: Billiger Alkohol, oft gesundheitsschädlich verdünnt und gefärbt
Das Ende der Saloon-Ära
Die goldene Zeit der Western-Saloons endete mit der Jahrhundertwende. Mehrere Faktoren besiegelten ihr Schicksal:
📉 Die Faktoren des Niedergangs
1. Die Prohibition-Bewegung: Ab den 1880ern gewann die Temperance Movement an Macht. Kansas verbot Alkohol bereits 1881 – offiziell zumindest.
2. Zivilisierung des Westens: Mit Eisenbahn, Telegraf und Sesshaftigkeit verlor der Frontier-Charakter sich – und damit der Saloon seine Funktion.
3. Konkurrenz durch neue Unterhaltung: Kinos, Vergnügungsparks, organisierte Sport-Events boten Alternativen.
4. Die nationale Prohibition (1920–1933): Das endgültige Aus für die legalen Saloons – viele wurden zu „Speakeasies“.
Das Vermächtnis: Der Saloon in der Popkultur
Obwohl die klassischen Western-Saloons längst verschwunden sind, lebt ihr Mythos weiter – stärker denn je.
Film & Fernsehen
Von „High Noon“ bis „Deadwood“ – der Saloon ist fester Bestandteil jedes Western-Genres. Die Schwingtüren sind zum ikonischen Symbol geworden.
Moderne Bars
Tausende „Western Saloon“-Themen-Bars weltweit imitieren das Design – von Texas bis Tokyo. Der Look ist unverwechselbar.
Videospiele
Spiele wie „Red Dead Redemption“ haben minutiös rekonstruierte Saloons – komplett mit Poker, Schlägereien und Schießereien.
Historische Stätten
Erhaltene oder rekonstruierte Saloons in Tombstone, Deadwood oder Virginia City sind Touristen-Magneten und lebendige Geschichte.
Literatur
Von Pulp-Western bis zu historischen Romanen – der Saloon bleibt zentraler Schauplatz der Western-Literatur.
Kunst & Fotografie
Historische Saloon-Fotografien und Gemälde von Frederic Remington prägen unser visuelles Verständnis des Wilden Westens.
Fazit: Der Saloon als Spiegel seiner Zeit
Der Saloon war weit mehr als eine simple Kneipe – er war Herz, Hirn und Seele der Western-Stadt. In ihm spiegelte sich alles, was den Wilden Westen ausmachte: die Freiheit und die Gesetzlosigkeit, die Kameradschaft und die Gewalt, die Hoffnung und die Verzweiflung.
Seine Architektur – die falsche Fassade, die Schwingtüren, der lange Tresen – wurde zum Symbol einer ganzen Epoche. Sein Angebot – Whiskey, Glücksspiel, Gesellschaft – befriedigte die Grundbedürfnisse von Menschen am Rand der Zivilisation. Seine soziale Funktion – Nachrichtenzentrale, Geschäftsplatz, demokratischer Treffpunkt – machte ihn unverzichtbar für das Leben an der Frontier.
Die Ära der klassischen Western-Saloons dauerte nur etwa 50 Jahre – von den 1840ern bis in die 1890er. Aber in dieser kurzen Zeit prägten sie die amerikanische Kultur so nachhaltig, dass ihr Mythos bis heute lebendig ist. Die Schwingtüren mögen längst verstummt sein, aber der Geist des Saloons – dieser wilde Mix aus Freiheit, Gefahr und Kameradschaft – lebt in unserer Vorstellung fort.
Der Saloon war das Herz des Wilden Westens – und sein Herzschlag ist noch immer zu hören.
Letzte Bearbeitung am Sonntag, 4. Januar 2026 – 11:47 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.
