Die Schlacht am Little Bighorn: Custers letzte Schlacht
Die Schlacht am Little Bighorn am 25. Juni 1876 ist eine der berühmtesten Schlachten der amerikanischen Geschichte – und eine der größten militärischen Niederlagen der US-Armee gegen Native Americans. Als Lieutenant Colonel George Armstrong Custer mit seiner 7. Kavallerie ein riesiges Lager der Lakota, Cheyenne und Arapaho angriff, ahnte er nicht, dass er und 268 seiner Männer in den Tod ritten. Die Schlacht wurde zum Symbol für den verzweifelten Widerstand der Plains-Indianer gegen die Vernichtung ihrer Lebensweise.
Die Schlacht am Little Bighorn
Custers letzte Schlacht – 25. Juni 1876
Der Weg zur Schlacht: Die Great Sioux War von 1876
Die Schlacht am Little Bighorn war kein isoliertes Ereignis, sondern der dramatische Höhepunkt eines größeren Konflikts – der Great Sioux War von 1876. Die Wurzeln dieser Schlacht reichen zurück zum Vertrag von Fort Laramie 1868, der den Lakota die Black Hills und ein riesiges Gebiet in Montana und Wyoming zusicherte – „solange das Gras wächst und die Flüsse fließen“.
Doch 1874 entdeckte eine Expedition unter Custers Führung Gold in den Black Hills. Der darauffolgende Goldrausch brachte Tausende illegaler Siedler ins heilige Land der Lakota. Die US-Regierung versuchte zunächst, die Black Hills zu kaufen – als die Lakota ablehnten, wurde ein Ultimatum gestellt: Alle „freien Indianer“ sollten bis zum 31. Januar 1876 in die Reservate zurückkehren, oder sie würden als „feindlich“ betrachtet.
🏔️ Die Black Hills – Paha Sapa
Die Black Hills waren für die Lakota heilig – das Herz ihres spirituellen Universums. Der Vertrag von 1868 hatte ihnen dieses Land garantiert. Doch als dort 1874 Gold gefunden wurde, war der Vertrag praktisch wertlos. Sitting Bull kommentierte bitter: „Die Weißen wollen unser Land, weil es Gold enthält. Wenn ich in ihr Land ginge und ihren Besitz nähme, würden sie mich einen Dieb nennen. Aber sie tun dasselbe mit uns.“
Die Hauptakteure der Schlacht
Die Schlacht am Little Bighorn wurde von außergewöhnlichen Persönlichkeiten auf beiden Seiten geprägt – Männer, die zu Legenden wurden, manche zu Helden, andere zu Symbolen der Kontroverse.
George Armstrong Custer
Lt. Colonel, 7. US-Kavallerie
Sitting Bull (Tatanka Iyotake)
Häuptling & spiritueller Führer der Hunkpapa Lakota
Crazy Horse (Tashunka Witko)
Kriegshäuptling der Oglala Lakota
Major Marcus Reno
Kommandant der ersten Angriffswelle
Der Schlachtverlauf: Chronologie einer Katastrophe
Die Schlacht am Little Bighorn war keine einzelne Schlacht, sondern eine Serie von Gefechten über mehrere Stunden. Custers fatale Fehleinschätzungen führten zu einer der verheerendsten Niederlagen der US-Armee.
Custer entdeckt das Lager
Scouts berichten von einem riesigen Indianerlager am Little Bighorn River. Custer ignoriert Warnungen über die Größe des Lagers – er fürchtet nur, dass die Indianer fliehen könnten.
Custer teilt seine Truppen
Gegen jede militärische Logik teilt Custer seine 600 Mann in drei Gruppen: Captain Benteen soll die linke Flanke sichern, Major Reno greift von Süden an, Custer selbst will von Norden zuschlagen. Die Truppen können sich nicht gegenseitig unterstützen.
Renos Angriff bricht zusammen
Major Reno greift mit 140 Mann das südliche Ende des Lagers an. Innerhalb von Minuten wird er von Hunderten Kriegern umzingelt. Nach chaotischem Kampf flieht Reno über den Fluss – 40 seiner Männer fallen dabei.
Custers letzter Angriff
Custer erreicht mit 210 Mann einen Hügel über dem nördlichen Lagerbereich. Er erkennt zu spät die wahre Größe des Lagers: 7.000–8.000 Menschen, darunter 2.000 Krieger. Crazy Horse führt eine Zangenbewegung an.
Das Ende: Last Stand Hill
Custers Truppen werden auf einem Hügel eingekesselt. In einem verzweifelten, etwa 20-minütigen Gefecht werden alle 210 Männer getötet. Die Indianer greifen aus allen Richtungen gleichzeitig an – es gibt keine Fluchtmöglichkeit.
Belagerung von Reno Hill
Die überlebenden Truppen unter Reno und Benteen verschanzen sich auf einem Hügel. Sie werden bis zum nächsten Tag belagert, aber die Indianer brechen das Lager ab und ziehen sich zurück, bevor Verstärkung eintrifft.
Warum verlor Custer? Die fatalen Fehler
Die Niederlage am Little Bighorn war keine Frage des Schicksals, sondern das Ergebnis einer Kette von Fehlentscheidungen. Militärhistoriker haben Custers Taktik als „Lehrbuchbeispiel dafür, wie man eine Schlacht verliert“ bezeichnet.
Aufklärung ignoriert
Seine Crow- und Arikara-Scouts warnten ihn, dass das Lager viel größer sei als erwartet. Custer winkte ab: „Es gibt nicht genug Indianer in der Welt, um die 7. Kavallerie zu schlagen.“
Truppen geteilt
Custer teilte seine 600 Mann in drei Gruppen, die sich nicht gegenseitig unterstützen konnten. Eine klassische militärische Todsünde gegen einen zahlenmäßig überlegenen Feind.
Gatling-Geschütze abgelehnt
Ihm wurden Gatling-Maschinengewehre angeboten – er lehnte ab, weil sie die Truppe „verlangsamen“ würden. Diese Waffen hätten das Schlachtfeld dominiert.
Überstürzter Angriff
Custer sollte auf General Terry warten. Stattdessen griff er sofort an – aus Angst, die Indianer könnten fliehen, und aus Gier nach persönlichem Ruhm.
Keine Kommunikation
Die drei getrennten Gruppen hatten keine Möglichkeit zu kommunizieren. Als Reno zusammenbrach, wusste Custer nichts davon – und umgekehrt.
Feind unterschätzt
Custer erwartete 800–1.000 Krieger. Tatsächlich waren es 2.000–2.500, vereint unter außergewöhnlichen Führern und hochmotiviert, ihre Familien zu verteidigen.
⚠️ Custers Arroganz in seinen eigenen Worten
Wenige Tage vor der Schlacht schrieb Custer: „Die 7. Kavallerie kann jeden Indianerstamm auf dem Kontinent schlagen.“ Er lehnte zusätzliche Truppen ab mit den Worten: „Die 7. kann mit allem fertig werden, was ihr begegnet.“ Diese Hybris kostete ihm und 268 Männern das Leben.
Die Indianer-Perspektive: Ein Sieg, der zur Niederlage wurde
Für die Lakota, Cheyenne und Arapaho war die Schlacht am Little Bighorn ein glorreicher Sieg – aber auch der Anfang vom Ende. Die Öffentlichkeit in den USA war schockiert und wütend. Die Armee erhielt unbegrenzte Ressourcen zur „Befriedung“ der Plains.
Die Folgen für die Plains-Indianer
Innerhalb eines Jahres nach Little Bighorn waren die meisten Lakota in Reservate gezwungen. Sitting Bull floh nach Kanada, kehrte 1881 zurück und ergab sich. Crazy Horse wurde 1877 ermordet. Die großen Büffelherden wurden systematisch ausgerottet – von 30 Millionen 1870 auf unter 1.000 im Jahr 1890.
Die Black Hills wurden nie zurückgegeben. 1980 entschied der Supreme Court, dass die Wegnahme illegal war und bot 105 Millionen Dollar Entschädigung. Die Lakota lehnten ab – sie wollten ihr Land, nicht Geld. Bis heute ist der Fall ungelöst.
Mythos vs. Realität: Was wirklich geschah
Die Schlacht am Little Bighorn ist von zahllosen Mythen umrankt. Hollywood und Pulp-Western haben ein Bild geschaffen, das oft wenig mit der historischen Wahrheit zu tun hat.
❌ Mythos
- Custers heroischer Last Stand: Er stand auf einem Hügel, Säbel gezogen, bis zur letzten Kugel kämpfend
- Zahlenmäßig weit unterlegen: 600 gegen 10.000 Indianer
- Hinterhalt: Die Indianer lauerten Custer auf
- Folter der Überlebenden: Gefangene wurden grausam gequält
- Säbel-Kampf: Die Soldaten kämpften mit gezogenen Säbeln
✅ Realität
- Chaotisches Ende: Archäologie zeigt: Die Soldaten brachen schnell zusammen, viele versuchten zu fliehen
- Tatsächliche Zahlen: 210 Soldaten gegen ca. 2.000 Krieger – 10:1, nicht 1:17
- Custer griff an: Er überraschte das Lager – die Indianer verteidigten sich
- Keine Gefangenen: Niemand aus Custers Trupp überlebte – es gab keine Folter
- Säbel zurückgelassen: Die 7. Kavallerie ließ ihre Säbel im Tross – zu schwer und unpraktisch
Die Waffen und Taktiken
Ein weit verbreiteter Mythos besagt, die Indianer seien technologisch überlegen gewesen. Die Wahrheit ist komplexer und zeigt, wie entscheidend Taktik und Moral im Kampf sind.
| Aspekt | US-Kavallerie | Lakota/Cheyenne/Arapaho |
|---|---|---|
| Hauptwaffe | Springfield Karabiner M1873 (Einzelschuss) | Mix: Winchester-Repetiergewehre, alte Musketen, Bögen |
| Feuerrate | 8–10 Schuss/Minute | Winchester: 15–20 Schuss/Minute; Bogen: 20+ Pfeile/Minute |
| Munition | 100 Patronen pro Mann | Variabel – viele hatten wenig Munition |
| Reichweite | Springfield: 500 Meter effektiv | Winchester: 200 Meter; Bogen: 50–70 Meter |
| Taktik | Lineare Formation, Salvenfeuer | Schnelle Kavallerie-Angriffe, Zangenbewegungen |
| Mobilität | Begrenzt – kämpften meist abgesessen | Hervorragend – Krieger kämpften vom Pferd aus |
| Moral | Erschöpft, überrascht, demoralisiert | Extrem hoch – Verteidigung von Familien |
🔫 Das Springfield-Problem
Die Springfield-Karabiner der 7. Kavallerie waren zuverlässig, aber langsam. Ein großes Problem: Bei Hitze und schnellem Feuern klemmten die Messingpatronen im Lauf. Archäologen fanden später Patronenhülsen mit Messerspuren – verzweifelte Soldaten versuchten, die Patronen mit Messern herauszuhebeln, während sie unter Beschuss standen.
Das Schlachtfeld heute: Gedenken und Archäologie
Das Little Bighorn Battlefield National Monument in Montana ist heute eine der meistbesuchten historischen Stätten des amerikanischen Westens. Seit den 1980er Jahren haben archäologische Untersuchungen mit Metalldetektoren unser Verständnis der Schlacht revolutioniert.
Archäologische Entdeckungen
Über 5.000 Artefakte gefunden: Patronenhülsen, Knöpfe, Pfeilspitzen. Sie zeigen, dass die Schlacht chaotischer und schneller war als gedacht – keine geordnete Verteidigung, sondern verzweifeltes Durcheinander.
Die Grabsteine
Weiße Marmorgrabsteine markieren die Stellen, wo Soldaten fielen. 1999 wurde ein Denkmal für die gefallenen Indianer errichtet – 140 Jahre nach der Schlacht.
Besucherzentrum
Erzählt die Geschichte aus beiden Perspektiven. Seit 2003 wird auch die Indianer-Sicht gleichberechtigt dargestellt – ein wichtiger Schritt zur historischen Gerechtigkeit.
Jährliche Gedenkfeier
Jeden 25. Juni findet eine Gedenkveranstaltung statt. Nachfahren von Soldaten und Kriegern kommen zusammen – ein Zeichen der Versöhnung.
Sie erzählten mir, ich hätte ein schlechtes Herz, dass ich Weißen Menschen das Leben nahm. Ich sage euch, ich habe ein gutes Herz. Ich habe mein Volk nicht angegriffen – sie griffen uns an. Wir verteidigten nur unsere Frauen und Kinder.
— Sitting Bull über die Schlacht am Little Bighorn
Das kulturelle Erbe: Little Bighorn in der Populärkultur
Die Schlacht am Little Bighorn hat die amerikanische Kultur tief geprägt. Sie wurde in über 30 Filmen dargestellt, in Hunderten von Büchern beschrieben und ist zum Symbol für verschiedene, oft widersprüchliche Narrative geworden.
Wandel der Darstellung
1900–1950: Custer als tragischer Held, die Indianer als wilde Horde. Filme wie „They Died with Their Boots On“ (1941) zeigten einen romantisierten, heroischen Custer.
1960–1990: Mit der Bürgerrechtsbewegung wandelte sich das Bild. „Little Big Man“ (1970) zeigte Custer als arroganten Wahnsinnigen. Die Indianer-Perspektive gewann an Bedeutung.
Heute: Historiker bemühen sich um eine ausgewogene Darstellung. Custer war weder reiner Held noch reiner Bösewicht – aber seine Arroganz und sein Ehrgeiz kosteten 268 Männern das Leben.
Fazit: Eine Schlacht, die eine Ära beendete
Die Schlacht am Little Bighorn war der größte militärische Sieg der Plains-Indianer über die US-Armee – und zugleich ihr Untergang. Der Schock über Custers Niederlage führte zu einer gnadenlosen Kampagne, die innerhalb eines Jahres die freien Indianer der Plains in Reservate zwang.
Für die Lakota, Cheyenne und Arapaho war es ein letztes Aufbäumen gegen eine übermächtige Kraft. Sie kämpften nicht für Eroberung, sondern für das Recht, so zu leben, wie ihre Vorfahren gelebt hatten. Ihr Sieg am Little Bighorn war militärisch brillant – aber strategisch bedeutungslos gegen eine Nation, die entschlossen war, den Kontinent zu erobern.
Heute erinnert das Schlachtfeld an beide Seiten: an die Soldaten, die ihren Befehlen folgten, und an die Krieger, die ihre Familien verteidigten. Es ist ein Ort der Reflexion über Mut und Tragödie, über Arroganz und Verzweiflung – und über ein dunkles Kapitel amerikanischer Geschichte, das nie vergessen werden sollte.
Letzte Bearbeitung am Sonntag, 4. Januar 2026 – 10:35 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.
