Das Massaker von Wounded Knee – Die letzte Schlacht der Indianerkriege
Das Massaker von Wounded Knee am 29. Dezember 1890 markiert einen der dunkelsten Tage in der Geschichte des amerikanischen Westens. Was als Entwaffnung einer Gruppe Lakota-Sioux begann, endete in einem Blutbad, bei dem mindestens 250 Männer, Frauen und Kinder starben. Dieses Ereignis besiegelte nicht nur das Ende der Indianerkriege, sondern auch das Ende einer Lebensweise, die Jahrhunderte überdauert hatte.
Das Massaker von Wounded Knee
Die Tragödie am Wounded Knee Creek – 29. Dezember 1890
Der historische Hintergrund: Das Ende einer Ära
Um das Massaker von Wounded Knee zu verstehen, muss man die Situation der Plains-Indianer im Jahr 1890 betrachten. Die einst mächtigen Lakota-Sioux waren gebrochene Menschen. Nur 14 Jahre nach ihrem größten Triumph – der Vernichtung von Custers 7. Kavallerie am Little Bighorn – lebten sie eingepfercht in Reservaten, abhängig von unzureichenden Regierungsrationen.
📜 Die Situation der Lakota 1890
Die Lakota-Sioux waren einst die mächtigsten Krieger der Plains. Doch nach der Niederlage 1877 wurden sie in Reservate gezwungen. Die versprochenen Rationen kamen unregelmäßig und reichten nicht aus. Eine Dürre vernichtete 1890 die Ernten. Hunger und Krankheiten grassierten. Die Büffel waren ausgerottet. Die traditionelle Lebensweise war unmöglich geworden. In dieser Verzweiflung entstand eine neue Hoffnung: der Ghost Dance.
Der Ghost Dance – Eine Bewegung der Hoffnung
1889 hatte ein Paiute-Schamane namens Wovoka eine Vision: Ein neues Zeitalter würde kommen, in dem die Weißen verschwinden, die Büffel zurückkehren und die toten Krieger wieder auferstehen würden. Um dies herbeizuführen, mussten die Indianer den Ghost Dance tanzen – einen hypnotischen, tagelangen Ritualtanz.
Wovokas Vision
Der Paiute-Prophet versprach eine spirituelle Erneuerung ohne Gewalt. Die Weißen würden von selbst verschwinden, wenn die Indianer rechtschaffen lebten und tanzten.
Die Lakota-Version
Die Lakota fügten einen kriegerischen Aspekt hinzu: Spezielle Ghost Shirts würden Träger gegen Kugeln schützen. Der Tanz wurde zur Vorbereitung auf den Kampf.
Panik bei Behörden
Indianeragenten sahen im Ghost Dance eine Vorbereitung zum Aufstand. Die Armee wurde alarmiert. Truppen marschierten in die Reservate.
Die Flucht
Aus Angst vor Verhaftung flohen Hunderte Lakota aus den Reservaten. Chief Big Foot führte eine Gruppe von etwa 350 Menschen Richtung Pine Ridge.
Die Hauptfiguren der Tragödie
Das Massaker von Wounded Knee war das Resultat von Missverständnissen, Angst und Misstrauen auf beiden Seiten. Diese Männer spielten die Schlüsselrollen:
Chief Big Foot (Si Tanka)
Häuptling der Miniconjou Lakota
Colonel James Forsyth
Kommandant des 7. Kavallerie-Regiments
Spiritueller Führer der Hunkpapa Lakota
Die Chronologie der Katastrophe
Der Weg zum Massaker von Wounded Knee war eine Kette von Ereignissen, die in der Tragödie mündeten. Jeder Schritt erhöhte die Spannung, bis die Situation explodierte.
Tod von Sitting Bull
Indianerpolizei versucht, Sitting Bull in Standing Rock zu verhaften. Bei einem Schusswechsel werden Sitting Bull, sein Sohn und sechs weitere Lakota getötet. Die Nachricht verbreitet Panik in den Reservaten.
Big Foots Flucht beginnt
Chief Big Foot, bereits an Lungenentzündung erkrankt, bricht mit etwa 350 Miniconjou und Hunkpapa Lakota auf. Sie wollen zum Pine Ridge Reservat, wo Chief Red Cloud Schutz versprochen hat.
Abfangen durch das 7. Kavallerie-Regiment
Major Samuel Whitside und vier Schwadronen des 7. Kavallerie-Regiments stellen Big Foots Gruppe nahe Porcupine Creek. Big Foot, zu krank zum Reiten, wird in einem Wagen transportiert. Die Gruppe wird nach Wounded Knee Creek eskortiert.
Lager am Wounded Knee Creek
Die Lakota werden am Wounded Knee Creek zum Lagern gezwungen. Colonel Forsyth trifft mit Verstärkung ein – insgesamt 500 Soldaten umzingeln das Lager. Vier Hotchkiss-Schnellfeuergeschütze werden auf einem Hügel in Stellung gebracht.
Beginn der Entwaffnung
Forsyth befiehlt die Entwaffnung aller Lakota-Männer. Die Soldaten durchsuchen das Lager nach Waffen. Die Lakota sind misstrauisch – wehrlose Indianer sind in der Vergangenheit oft ermordet worden. Die Spannung ist greifbar.
Der erste Schuss
Ein tauber Lakota namens Black Coyote weigert sich, sein Gewehr abzugeben – er hat dafür bezahlt und will es behalten. Soldaten versuchen, es ihm zu entreißen. Das Gewehr löst sich. Ob absichtlich oder versehentlich – niemand weiß es. Aber dieser eine Schuss entfesselt die Hölle.
Das Massaker beginnt
Nach dem ersten Schuss öffnen die Soldaten das Feuer – nicht nur auf die bewaffneten Männer, sondern auf alles, was sich bewegt. Die vier Hotchkiss-Geschütze auf dem Hügel feuern mit 50 Schuss pro Minute in das Lager. Frauen und Kinder fliehen in Panik. Viele werden auf der Flucht erschossen – manche bis zu drei Meilen vom Lager entfernt.
Das Gemetzel dauert weniger als eine Stunde. Als der Rauch sich lichtet, liegen etwa 150 Lakota tot auf dem Schlachtfeld – viele weitere werden in den folgenden Tagen an ihren Wunden sterben. Mindestens 200 Menschen wurden in Decken gehüllt und in einem Massengrab verscharrt. Viele waren Frauen und Kinder.
25 Soldaten starben – die meisten durch Querschläger ihrer eigenen Kameraden. Die Hotchkiss-Geschütze hatten wahllos in die Menge gefeuert, ohne Rücksicht auf Freund oder Feind.
Die Augenzeugenberichte
Mehrere Überlebende und Beobachter dokumentierten das Massaker von Wounded Knee. Ihre Berichte zeichnen ein verstörendes Bild.
Wir versuchten zu fliehen, aber sie schossen auf uns wie auf Büffel. Ich sah, wie eine Mutter mit einem Baby auf dem Rücken getroffen wurde. Sie fiel vorwärts, und das Baby wurde unter ihr zerquetscht. Soldaten kamen und schossen beiden in den Kopf. Ich sah, wie kleine Kinder auf Knien um Gnade bettelten, bevor sie erschossen wurden.
— Louise Weasel Bear, Überlebende des Massakers
Wir folgten der Spur der Flüchtenden. Es war nicht schwer. Alle paar Meter lag ein Körper – Frauen, Kinder, alte Männer. Manche waren über drei Meilen vom Lager entfernt. Sie wurden gejagt wie Wild. Als wir drei Tage später zurückkamen, um die Toten zu bergen, waren die Leichen zu Eis gefroren. Babys lagen noch an den Brüsten ihrer toten Mütter.
— Dr. Charles Eastman, Lakota-Arzt und Augenzeuge
Die Nachwirkungen: Vertuschung und Kontroverse
Die Reaktion auf das Massaker von Wounded Knee war von Anfang an kontrovers. Während die Armee versuchte, das Ereignis als „Schlacht“ darzustellen, sahen viele Zeitgenossen die Wahrheit.
❌ Die offizielle Version
„Schlacht bei Wounded Knee“
Die Armee bezeichnete das Ereignis als Schlacht, nicht als Massaker. Colonel Forsyth wurde zunächst entlassen, aber nach einer Untersuchung freigesprochen. 20 Soldaten erhielten die Medal of Honor – die höchste militärische Auszeichnung der USA.
Die offizielle Darstellung: Die Lakota hätten zuerst geschossen. Die Soldaten hätten nur ihr Leben verteidigt. Die vielen toten Frauen und Kinder seien bedauerliche Kollateralschäden.
✓ Die historische Wahrheit
Ein Massaker an wehrlosen Menschen
Moderne Historiker sind sich einig: Wounded Knee war ein Massaker, keine Schlacht. Die Mehrheit der Opfer waren unbewaffnete Frauen, Kinder und alte Männer. Viele wurden auf der Flucht erschossen, manche meilenweit vom Lager entfernt.
Die Hotchkiss-Geschütze feuerten wahllos in das Lager. Es gab keine militärische Rechtfertigung für das Ausmaß der Gewalt. Die Vergabe von 20 Medals of Honor bleibt bis heute eine Schande.
⚠️ Die Kontroverse um die Medals of Honor
20 Soldaten des 7. Kavallerie-Regiments erhielten für ihre „Tapferkeit“ bei Wounded Knee die Medal of Honor. Seit Jahrzehnten kämpfen Nachfahren der Lakota und Bürgerrechtler für die Aberkennung dieser Auszeichnungen. Bisher ohne Erfolg. Die Medals of Honor für Wounded Knee bleiben das umstrittenste Kapitel in der Geschichte dieser Auszeichnung.
Das Massengrab und die gefrorenen Leichen
Drei Tage nach dem Massaker kehrte eine Bestattungsgruppe zum Wounded Knee Creek zurück. Was sie vorfanden, gehört zu den verstörendsten Szenen der amerikanischen Geschichte.
📸 Die berüchtigten Fotografien
Der Fotograf George Trager dokumentierte die gefrorenen Leichen am Wounded Knee Creek. Die Bilder zeigen Big Foot, erstarrt in einer grotesken Haltung, und Dutzende andere Leichen, die zu Eis gefroren waren. Einige dieser Fotografien wurden als Postkarten verkauft – ein makabres Souvenir des „Sieges“ über die Indianer. Diese Bilder sind heute wichtige historische Dokumente, aber auch ein Symbol für die Unmenschlichkeit des Massakers.
Die etwa 200 Leichen wurden in einem Massengrab auf einem Hügel oberhalb des Lagers verscharrt. Für diese grausige Arbeit wurden die Bestatter mit 2 Dollar pro Leiche bezahlt. Viele der Toten konnten nicht identifiziert werden. Das Massengrab existiert noch heute und ist eine Gedenkstätte.
Mythos vs. Realität: Häufige Missverständnisse
Über das Massaker von Wounded Knee kursieren viele Mythen und Fehlinformationen. Hier die wichtigsten Richtigstellungen:
Mythos: „Schlacht“
Die Armee nannte es Schlacht, aber 80% der Toten waren unbewaffnete Frauen, Kinder und Alte. Eine „Schlacht“ findet zwischen bewaffneten Gegnern statt.
Mythos: „Selbstverteidigung“
500 schwer bewaffnete Soldaten mit Schnellfeuergeschützen gegen 350 Menschen, davon 230 Frauen und Kinder mit wenigen Gewehren – das war keine Selbstverteidigung.
Mythos: „Ghost Shirts schützten“
Einige Lakota trugen Ghost Shirts, die angeblich vor Kugeln schützen sollten. Diese spirituelle Überzeugung machte sie nicht unverwundbar – sie starben wie alle anderen.
Fakt: Rache für Custer
Das 7. Kavallerie-Regiment war Custers altes Regiment. Viele Soldaten sahen Wounded Knee als Vergeltung für Little Bighorn – 14 Jahre später.
Das Vermächtnis von Wounded Knee
Das Massaker von Wounded Knee markierte offiziell das Ende der Indianerkriege. Es war der letzte große bewaffnete Konflikt zwischen der US-Armee und den Native Americans. Aber seine Auswirkungen reichen weit über diesen Tag hinaus.
Symbol der Unterdrückung
Wounded Knee wurde zum Symbol für die brutale Unterwerfung der Native Americans. Der Name steht für Völkermord, gebrochene Versprechen und institutionalisierte Gewalt.
Wounded Knee II (1973)
1973 besetzten Aktivisten des American Indian Movement (AIM) Wounded Knee für 71 Tage, um auf die Situation der Indianer aufmerksam zu machen. Der Ort wurde zum Symbol des Widerstands.
Historische Neubewertung
Seit den 1970ern wurde die offizielle Darstellung als „Schlacht“ zunehmend infrage gestellt. Heute erkennen die meisten Historiker Wounded Knee als das an, was es war: ein Massaker.
Gedenkstätten
Das Massengrab und mehrere Denkmäler erinnern an die Opfer. Der Ort ist heiliger Boden für die Lakota und ein Mahnmal amerikanischer Geschichte.
Ich habe nicht gewusst, dass ich damals so viel sehen würde, bis ich ein alter Mann wurde. Als ich jung war, waren die sechs Großväter mit mir. Aber ich sollte es erst später verstehen. Das Zentrum der Nation war gebrochen, und es gibt keine Mitte mehr, und der heilige Baum ist tot.
— Black Elk, Lakota-Medizinmann und Überlebender von Wounded Knee
Wounded Knee heute
Der Ort des Massakers von Wounded Knee liegt in der Pine Ridge Reservation in South Dakota. Er ist bis heute ein Ort der Trauer, des Gedenkens und der Kontroverse.
📍 Besuch der Gedenkstätte
Das Wounded Knee Massacre Memorial befindet sich an der Intersection 27 und 28 in der Pine Ridge Reservation, South Dakota. Ein einfaches Schild markiert die Stelle des Massakers. Das Massengrab auf dem Hügel ist von einem Zaun umgeben. Besucher werden gebeten, den Ort mit Respekt zu behandeln – es ist heiliger Boden für die Lakota. Die Pine Ridge Reservation ist eines der ärmsten Gebiete der USA mit einer Arbeitslosenquote von über 80%.
Fazit: Eine Wunde, die nicht heilt
Das Massaker von Wounded Knee am 29. Dezember 1890 war mehr als nur das Ende der Indianerkriege – es war das gewaltsame Ende einer Lebensweise, die Jahrtausende überdauert hatte. 250 Männer, Frauen und Kinder starben an diesem kalten Wintermorgen, nicht in einer Schlacht, sondern in einem einseitigen Gemetzel.
Die Tragödie von Wounded Knee zeigt die dunkelste Seite des „Wilden Westens“ – nicht den romantisierten Mythos von Cowboys und Helden, sondern die brutale Realität von Völkermord und Unterdrückung. Die Tatsache, dass 20 Soldaten für dieses Massaker mit der höchsten militärischen Auszeichnung der USA geehrt wurden, bleibt bis heute eine offene Wunde.
Für die Lakota und andere Native Americans ist Wounded Knee nicht nur Geschichte – es ist ein Teil ihrer Identität, ein Symbol für den Verlust ihrer Heimat, ihrer Kultur und ihrer Menschen. Der Name „Wounded Knee“ – das verwundete Knie – könnte nicht passender sein: Es ist eine Wunde, die nie wirklich geheilt ist und deren Schmerz bis heute nachwirkt.
Letzte Bearbeitung am Sonntag, 4. Januar 2026 – 10:55 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.
