Glücksspiel im Wilden Westen: Poker, Faro und Monte im Saloon
Die Kartenspiele des Wilden Westens waren weit mehr als bloßer Zeitvertreib – sie waren Leidenschaft, Lebensunterhalt und oft genug Todesurteil. In den rauchgeschwängerten Saloons von Dodge City, Tombstone und Deadwood wurden Nacht für Nacht Vermögen gewonnen und verloren. Während Hollywood uns glauben machen will, dass Poker das dominierende Spiel war, sah die Realität anders aus: Faro war der unangefochtene König der Glücksspiele, gefolgt von Monte und erst dann Poker.
Die Kartenspiele des Wilden Westens
Poker, Faro und Monte in den Saloons der Frontier (1850–1900)
Die Glücksspielkultur des Wilden Westens
In den boomenden Frontier-Städten des 19. Jahrhunderts war Glücksspiel nicht nur legal – es war eine respektierte Profession. Während im Osten der USA Spieler als zwielichtige Gestalten galten, wurden sie im Westen als Geschäftsleute behandelt. Die großen Spieler trugen feine Anzüge, lebten in den besten Hotels und wurden mit demselben Respekt behandelt wie Banker oder Anwälte.
Die Saloons waren das soziale Zentrum jeder Westernstadt. Hier traf sich alles: Cowboys nach dem Viehtrieb, Goldgräber mit frischem Staub, Geschäftsleute, Gesetzlose und Gesetzeshüter. Und wo Menschen zusammenkamen, wurde gespielt – um Geld, um Land, manchmal sogar um das eigene Leben.
💰 Das Geschäft mit dem Glück
Ein gut geführter Saloon in einer Boomtown wie Deadwood oder Tombstone konnte pro Nacht 10.000 bis 20.000 Dollar umsetzen – etwa 500.000 Dollar in heutiger Kaufkraft. Die Gewinne aus dem Glücksspiel übertrafen oft die Einnahmen aus Alkoholverkauf um das Zehnfache.
Die drei großen Kartenspiele des Westens
Während Hollywood uns glauben macht, dass Poker das dominierende Spiel war, sah die historische Realität anders aus. Faro war bei weitem das beliebteste Glücksspiel, gefolgt von Monte. Poker kam erst an dritter Stelle – wurde aber im 20. Jahrhundert zum Symbol des Westens.
Faro
„The King of Games“
Das beliebteste Glücksspiel des 19. Jahrhunderts in Amerika. Einfach zu lernen, schnell gespielt und mit dem niedrigsten Hausvorteil aller Casinospiele. Jeder größere Saloon hatte mindestens einen Faro-Tisch.
Poker
„The American Game“
Entwickelte sich aus verschiedenen europäischen Kartenspielen. Im Westen gespielt, aber weniger populär als Faro. Erst im 20. Jahrhundert wurde Poker zum Symbol des Wilden Westens – dank Filmen und Literatur.
Monte (Three-Card Monte)
„The Mexican Game“
Besonders beliebt in Texas, Arizona und Kalifornien. Einfaches Prinzip: Drei Karten, eine davon gewinnt. Wurde oft von Betrügern genutzt – „Find the Lady“ war ein klassischer Straßenbetrug.
Faro – Der König der Glücksspiele
Faro war das dominierende Kartenspiel des 19. Jahrhunderts – nicht nur im Westen, sondern in ganz Amerika. Der Name stammt vermutlich von den ägyptischen Pharaonen, die auf französischen Spielkarten abgebildet waren. Von New Orleans bis San Francisco, von Dodge City bis Deadwood: Jeder Saloon mit Selbstachtung hatte mindestens einen Faro-Tisch.
Warum war Faro so beliebt?
🎯 Die Vorteile von Faro
Niedriger Hausvorteil: Mit nur 1–2% war Faro das fairste Casinospiel überhaupt – fairer als modernes Blackjack oder Roulette.
Einfache Regeln: Jeder konnte innerhalb von Minuten lernen, wie man spielt.
Schnelles Spiel: Eine Runde dauerte nur wenige Minuten – perfekt für ungeduldig Cowboys.
Viele Spieler: 10–15 Personen konnten gleichzeitig am selben Tisch spielen.
Transparenz: Alle Karten lagen offen – Betrug war (theoretisch) schwieriger als bei anderen Spielen.
So funktionierte Faro
Die Grundregeln von Faro
Das Spielfeld
Auf dem Tisch lag ein bemaltes Brett mit allen 13 Kartenwerten (As bis König). Spieler setzten Chips auf die Karten ihrer Wahl.
Der Dealer zieht Karten
Aus einer speziellen Box („Dealing Box“) zog der Dealer zwei Karten: Die erste („Soda“) verliert, die zweite gewinnt. Wer auf die richtige Karte gesetzt hatte, gewann.
Auszahlung
Gewinner erhielten ihren Einsatz 1:1 zurück. Bei einem „Split“ (beide gezogenen Karten identisch) gewann das Haus – der einzige echte Hausvorteil.
Casekeeper
Ein Assistent („Casekeeper“) führte mit einem Abakus Buch über bereits gespielte Karten – so konnten Spieler ihre Chancen berechnen.
Berühmte Faro-Spieler und Dealer
Gesetzeshüter & Faro-Dealer
Doc Holliday
Zahnarzt & professioneller Spieler
Alice Ivers „Poker Alice“
Professionelle Spielerin
Poker im Wilden Westen
Obwohl Poker heute als DAS Kartenspiel des Wilden Westens gilt, war es damals nur die Nummer drei. Dennoch entwickelte sich Poker in dieser Zeit von einem obskuren Kartenspiel zu einem amerikanischen Kulturphänomen. Die Varianten, die gespielt wurden, unterschieden sich deutlich vom modernen Texas Hold’em.
Die beliebtesten Poker-Varianten
| Variante | Zeitraum | Karten | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Straight Poker | 1820er–1850er | 5 Karten, keine Ziehung | Älteste Form, sehr einfach |
| Draw Poker | 1850er–1900 | 5 Karten, 1 Ziehung | Beliebteste Variante im Westen |
| Stud Poker | 1860er–heute | Teils offen, teils verdeckt | Entwickelte sich während des Bürgerkriegs |
| Texas Hold’em | Ab ~1900 | 2 + 5 Gemeinschaftskarten | Erst im 20. Jh. populär |
Die legendäre „Dead Man’s Hand“
Am 2. August 1876 saß Wild Bill Hickok in Saloon No. 10 in Deadwood beim Poker. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er den Rücken zur Tür – ein fataler Fehler. Jack McCall schoss ihm von hinten in den Kopf. Als Hickok vom Stuhl fiel, lagen zwei schwarze Asse, zwei schwarze Achten und eine fünfte unbekannte Karte vor ihm. Diese Hand wurde als „Dead Man’s Hand“ zur Legende.
— Zeitgenössischer Bericht aus Deadwood, Dakota Territory
Monte – Das mexikanische Kartenspiel
Monte (nicht zu verwechseln mit „Three-Card Monte“, einem Straßenbetrug) war besonders im Südwesten beliebt – in Texas, New Mexico, Arizona und Kalifornien. Das Spiel kam mit den spanischen Siedlern und wurde von Cowboys, Vaqueros und Soldaten gleichermaßen gespielt.
🎴 Spanish Monte – Die Regeln
Deck: 40 Karten (8, 9, 10 entfernt)
Spieler: Dealer gegen beliebig viele Spieler
Prinzip: Der Dealer legt zwei Karten offen aus („Bottom Layout“ und „Top Layout“). Spieler wetten darauf, welches Layout gewinnt. Dann werden weitere Karten gezogen, bis eine Karte mit dem gleichen Wert wie eine der Layout-Karten erscheint.
Hausvorteil: Etwa 3–5%, aber oft durch Betrug erhöht
Betrug und Manipulation – Die dunkle Seite des Glücksspiels
Wo große Geldsummen im Spiel waren, waren Betrüger nicht weit. Das Glücksspiel im Wilden Westen hatte einen schlechten Ruf – oft zu Recht. Professionelle Falschspieler („Sharps“ oder „Card Mechanics“) reisten von Stadt zu Stadt und zockten ahnungslose Opfer ab.
Markierte Karten
Karten wurden mit winzigen Markierungen versehen – Nadelstiche, Tintenflecken oder spezielle Prägungen. Nur der Betrüger konnte sie „lesen“.
Manipulierte Faro-Boxen
Spezielle Dealing-Boxen erlaubten es dem Dealer, zwei Karten gleichzeitig zu ziehen oder die Reihenfolge zu kontrollieren. „Sand-tell Boxes“ waren besonders berüchtigt.
Komplizen („Cappers“)
Falsche Spieler am Tisch arbeiteten mit dem Dealer zusammen. Sie gaben Signale, lenkten ab oder lockten Opfer in die Falle.
Fingerfertigkeit
„Card Mechanics“ beherrschten Techniken wie „Bottom Dealing“ (vom Stapelboden geben) oder „Second Dealing“ (zweite Karte statt erste). Selbst erfahrene Spieler bemerkten es nicht.
Alkohol & Ablenkung
Kostenlose Drinks hielten die Spieler betrunken und unaufmerksam. Schöne Frauen („Shills“) lenkten zusätzlich ab.
Gefälschte Chips
Betrüger schmuggelten gefälschte Chips ins Spiel oder tauschten echte gegen falsche aus, bevor sie auszahlten.
⚠️ Die Strafe für Betrug
Ertappte Falschspieler wurden selten der offiziellen Justiz übergeben. Die üblichen Strafen waren brutaler: Verprügeln, aus der Stadt jagen – oder aufhängen. In manchen Frontier-Städten galt Kartenbetrug als schwerwiegender als Viehdiebstahl. Wild Bill Hickok erschoss mindestens drei Männer wegen Betrugsvorwürfen beim Spielen.
Die Sprache der Spieler – Gambling Slang
Die Glücksspieler des Wilden Westens hatten ihre eigene Sprache – einen farbenfrohen Slang, der teilweise bis heute überlebt hat.
„Square Game“
Ein ehrliches Spiel ohne Betrug
„Skin Game“
Ein manipuliertes, betrügerisches Spiel
„Dead Man’s Hand“
Asse und Achten (Hickoks letzte Hand)
„Card Mechanic“
Professioneller Falschspieler
„Bucking the Tiger“
Faro spielen (Tiger war Symbol auf Faro-Tischen)
„Cleaned Out“
Alles verloren haben
„Case Card“
Die letzte Karte eines Werts im Deck
„Tinhorn Gambler“
Zweitklassiger, unehrlicher Spieler
Mythos vs. Realität
Hollywood hat unser Bild vom Glücksspiel im Wilden Westen stark geprägt – aber nicht immer korrekt.
🎬 Der Mythos
Poker war das beliebteste Spiel: In jedem Western wird Poker gespielt.
Jede Meinungsverschiedenheit endete in Schießereien: Verlierer zogen immer ihre Waffen.
Alle Spieler waren Gesetzlose: Glücksspiel war eine kriminelle Aktivität.
Frauen spielten nicht: Saloons waren reine Männerdomänen.
📜 Die Realität
Faro war König: 80% der Saloons hatten Faro als Hauptspiel, nicht Poker.
Gewalt war die Ausnahme: Die meisten Streitigkeiten wurden friedlich gelöst – Schießereien schadeten dem Geschäft.
Glücksspiel war legal und respektiert: Professionelle Spieler waren angesehene Geschäftsleute.
Viele Frauen waren erfolgreiche Spielerinnen: „Poker Alice“, „Madame Mustache“ und andere waren Legenden.
Der Niedergang von Faro
Obwohl Faro im 19. Jahrhundert das dominierende Glücksspiel war, verschwand es im 20. Jahrhundert fast vollständig. Mehrere Faktoren führten zu seinem Niedergang:
Ruf nach Betrug
Zu viele manipulierte Spiele zerstörten das Vertrauen der Spieler. Faro wurde zum Synonym für Betrug.
Glücksspielverbote
Viele Staaten verboten Glücksspiel komplett. Faro verschwand aus den legalen Casinos.
Poker übernimmt
Poker wurde zum neuen Favoriten – teils weil es als „Geschicklichkeitsspiel“ galt und legal bleiben konnte.
Nevada legalisiert Glücksspiel
Als Nevada Casinos erlaubte, setzten die Betreiber auf Craps, Roulette und Blackjack – nicht auf Faro.
Faro ist Geschichte
Das letzte legale Faro-Spiel in Nevada schloss 1955. Heute kennt kaum jemand noch die Regeln.
Fazit: Das Vermächtnis der Kartenspiele
Die Kartenspiele des Wilden Westens waren mehr als Unterhaltung – sie waren ein zentraler Teil der Frontier-Kultur. In den Saloons von Tombstone, Deadwood und Dodge City wurden nicht nur Karten gespielt, sondern Geschäfte gemacht, Allianzen geschmiedet und Legenden geboren.
Während Faro heute fast vergessen ist, lebt der Geist dieser Ära in jedem modernen Pokerspiel weiter. Die Begriffe, die Strategien, die Dramatik – all das hat seine Wurzeln in den rauchgeschwängerten Saloons des 19. Jahrhunderts. Und wenn heute jemand beim Poker „All In“ geht, hallt darin der Echo der Cowboys, Goldgräber und Gesetzlosen wider, die vor 150 Jahren ihr Leben und Vermögen auf eine Karte setzten.
Das wahre Vermächtnis dieser Spiele ist nicht in den Regeln zu finden, sondern in der amerikanischen Mentalität selbst: Der Glaube, dass mit Mut, Geschick und etwas Glück jeder sein Schicksal ändern kann – mit nur einer einzigen Hand Karten.
Letzte Bearbeitung am Sonntag, 4. Januar 2026 – 9:57 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.
