Leonard Peltier 2025 freigelassen – Das Ende eines umstrittenen Falls
Am 18. Februar 2025 verließ Leonard Peltier nach 49 Jahren und 12 Tagen das Hochsicherheitsgefängnis Coleman in Florida. Der heute 81-jährige indigene Aktivist des American Indian Movement (AIM) war 1977 wegen des Mordes an zwei FBI-Agenten zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt worden – eine Verurteilung, die international als Justizskandal gilt. Joe Biden wandelte die Strafe in den letzten 14 Minuten seiner Amtszeit in Hausarrest um. Es war das Ende eines Falls, der ein halbes Jahrhundert lang das Verhältnis zwischen den USA und ihren indigenen Völkern vergiftet hatte.
Leonard Peltier – 49 Jahre hinter Gittern
Der berühmteste politische Gefangene der USA ist frei
(1976–2025)
seit 1977
Strafumwandlung
bei Freilassung
Wer ist Leonard Peltier?
Leonard Peltier wurde am 12. September 1944 in Grand Forks, North Dakota geboren. Er gehört den Anishinabe und Lakota an und wuchs in der Turtle-Mountain-Reservation auf. Wie viele indigene Kinder seiner Generation wurde er mit neun Jahren in eine Internatsschule des Bureau of Indian Affairs (BIA) gesteckt – Teil des berüchtigten Systems der erzwungenen Assimilation, das indigene Kinder ihrer Sprache, Kultur und Familien beraubte.
In den späten 1960er und frühen 1970er Jahren engagierte sich Peltier im American Indian Movement (AIM), einer indigenen Bürgerrechtsbewegung, die sich am Vorbild der Black Panthers orientierte. AIM kämpfte für Vertragsrechte, Souveränität und gegen die brutale Polizeigewalt in den Reservaten. Damit geriet die Bewegung – und Peltier persönlich – ins Visier des FBI.
Leonard Peltier
AIM-Aktivist · Anishinabe-Lakota · Symbolfigur
Pine Ridge 1975 – Was wirklich geschah
Um den Fall Leonard Peltier zu verstehen, muss man die Pine Ridge Reservation der 1970er Jahre kennen. Der Stammespräsident Dick Wilson regierte mit einer paramilitärischen Truppe namens „GOONs“ (Guardians of the Oglala Nation) und ließ politische Gegner einschüchtern, verprügeln und ermorden. Zwischen 1973 und 1976 starben in Pine Ridge mehr als 60 AIM-Anhänger und Stammesangehörige unter ungeklärten Umständen – die Mordrate war zeitweise höher als in jedem US-Großstadtviertel.
Am 26. Juni 1975 fuhren zwei FBI-Agenten in Zivil – Jack Coler und Ronald Williams – in einem unmarkierten Auto auf die Jumping-Bull-Ranch im Reservat. Ihr Auftrag: Die Festnahme eines Verdächtigen wegen Stiefeldiebstahls. Was dann geschah, ist bis heute umstritten. Es kam zu einem stundenlangen Feuergefecht zwischen FBI, US-Marshals und AIM-Mitgliedern. Am Ende waren drei Männer tot: die beiden FBI-Agenten und der Oglala-Lakota Joseph Stuntz.
Die drei Toten von Pine Ridge
FBI-Agent Jack Coler
Aus nächster Nähe erschossen, nachdem er bereits durch einen Gewehrtreffer schwer verletzt war.
FBI-Agent Ronald Williams
Ebenfalls per „Coup de Grâce“ hingerichtet. Der wahre Todesschütze wurde nie zweifelsfrei identifiziert.
Joseph Stuntz Killsright
AIM-Mitglied, durch FBI-Schuss getötet. Sein Tod wurde nie strafrechtlich untersucht.
Vier AIM-Mitglieder wurden angeklagt: Bob Robideau, Dino Butler, Jimmy Eagle und Leonard Peltier. Doch die Verfahren liefen sehr unterschiedlich. Robideau und Butler wurden 1976 vom Vorwurf des Mordes freigesprochen – die Geschworenen erkannten Notwehr an. Gegen Eagle wurde die Anklage fallengelassen. Übrig blieb Peltier – als einziger Sündenbock, an dem das FBI ein Exempel statuieren wollte.
Der umstrittene Prozess von 1977
Peltier war nach dem Vorfall nach Kanada geflohen. Die Auslieferung 1976 erfolgte aufgrund einer eidesstattlichen Aussage von Myrtle Poor Bear, einer indigenen Frau, die behauptete, Peltiers Freundin gewesen zu sein und ihn beim Mord beobachtet zu haben. Diese Aussage war frei erfunden – Poor Bear hatte Peltier nie getroffen und war zur Tatzeit nicht in Pine Ridge. Sie zog ihre Aussage später zurück und gab an, vom FBI massiv unter Druck gesetzt worden zu sein.
Trotzdem wurde der Prozess in Fargo, North Dakota – nicht in South Dakota wie bei den Mitangeklagten – fortgeführt. Richter Paul Benson ließ entlastende Beweise nicht zu, schloss die Notwehr-Argumentation aus und verhinderte, dass die Geschworenen von dem Klima der Gewalt in Pine Ridge erfuhren. Das Urteil: zweimal lebenslänglich.
Gefälschte Zeugenaussage
Die Hauptbelastungszeugin Myrtle Poor Bear gestand später, vom FBI unter Druck gesetzt worden zu sein. Sie war nie am Tatort.
Manipulierte Ballistik
Ein FBI-Ballistikbericht wurde zurückgehalten, der Peltiers Waffe ausgeschlossen hätte. Dies kam erst durch den Freedom of Information Act ans Licht.
12.000 zensierte Dokumente
Das FBI hielt zehntausende Akten zum Fall unter Verschluss. Tausende Seiten sind bis heute geschwärzt oder geheim.
Eingeständnis der Anklage
In einem Berufungsverfahren 1985 räumte Staatsanwalt Lynn Crooks ein: „Wir wissen nicht, wer die Agenten getötet hat.“
⚠️ Was Berufungsrichter Heaney 1986 sagte
Selbst der Bundesberufungsrichter Gerald Heaney, der Peltiers Berufung 1986 ablehnte, schrieb später einen offenen Brief an US-Präsident Clinton: Das FBI trage „eine erhebliche Mitverantwortung für das Klima der Gewalt“, und es bestünden ernste Zweifel an der Fairness des Verfahrens. Heaney empfahl Peltiers Begnadigung – ohne Erfolg.
Chronologie eines halben Jahrhunderts Haft
Schießerei auf der Jumping-Bull-Ranch
Im Pine-Ridge-Reservat sterben zwei FBI-Agenten und der AIM-Aktivist Joseph Stuntz. Peltier flieht nach Kanada.
Verhaftung in Alberta, Kanada
Peltier wird auf der Smallboy-Reservation festgenommen. Die Auslieferung erfolgt aufgrund der später widerrufenen Aussage von Myrtle Poor Bear.
Verurteilung zu zweimal lebenslänglich
In Fargo, North Dakota wird Peltier von einer rein weißen Jury für schuldig befunden. Das Urteil wird später zu Beihilfe zum Mord revidiert – ohne Strafminderung.
Berufung scheitert
Trotz erheblicher Zweifel an der Beweislage wird die Berufung abgelehnt. Richter Heaney empfiehlt später öffentlich die Begnadigung.
Clinton lehnt Begnadigung ab
Bill Clinton zieht in den letzten Stunden seiner Amtszeit eine angedeutete Begnadigung zurück – nach massivem Druck des FBI.
Bewährungsanträge abgelehnt
Mehrfach lehnt die US-Bewährungskommission Peltiers Anträge ab – zuletzt im Juli 2024, mit Verweis auf das angeblich bestehende „Risiko“.
Biden wandelt Strafe um
14 Minuten vor dem Ende seiner Präsidentschaft – kurz vor Trumps Vereidigung – wandelt Joe Biden die Haftstrafe in lebenslangen Hausarrest um.
Heimkehr nach Turtle Mountain
Peltier verlässt das Hochsicherheitsgefängnis Coleman in Florida. Im Reservat wird er mit traditionellen Liedern und einem Adlerstab empfangen.
Erstes Jahr in Freiheit
Peltier lebt unter Hausarrest in einem Haus, das seine Gemeinde für ihn gekauft hat. Er erhält endlich angemessene medizinische Versorgung – nach jahrzehntelanger Verweigerung im Bundesgefängnis.
Begnadigung oder Strafumwandlung – der wichtige Unterschied
Was Joe Biden tat, war keine Begnadigung („pardon“), sondern eine Strafumwandlung („commutation“). Dieser juristische Unterschied ist für viele indigene Aktivisten bitter: Peltier bleibt formal schuldig. Eine Begnadigung hätte die Verurteilung aufgehoben und ihn vollständig rehabilitiert. Stattdessen lebt er nun unter strengen Auflagen.
| Maßnahme | Begnadigung (Pardon) | Strafumwandlung (Commutation) |
|---|---|---|
| Schuld | Aufgehoben / vergeben | Bleibt formal bestehen |
| Bürgerrechte | Vollständig wiederhergestellt | Eingeschränkt |
| Bewegungsfreiheit | Uneingeschränkt | Hausarrest / Auflagen |
| Politische Aktivität | Erlaubt | Stark beschränkt |
| Im Fall Peltier | Wäre vollständige Rehabilitation gewesen | „Etappensieg“, aber kein Schuldspruch wird aufgehoben |
⚠️ Die Auflagen des Hausarrests
Peltier darf das Haus seiner Gemeinde im Turtle-Mountain-Reservat nur für medizinische Behandlungen verlassen. Politische Auftritte, Reisen und öffentliche Reden sind ihm faktisch verwehrt. Aktivisten fordern weiterhin die vollständige Aufhebung des Hausarrests – jeden 17. des Monats finden in Frankfurt am Main Mahnwachen vor dem US-Generalkonsulat statt.
Eine globale Solidaritätsbewegung
Kaum ein Häftling hat in der Geschichte der USA so viele prominente Fürsprecher gehabt wie Leonard Peltier. Das Spektrum reicht von Päpsten über Friedensnobelpreisträger bis zu Rockstars. Die deutsche Unterstützergruppe Tokata-LPSG RheinMain e.V. organisiert seit Jahrzehnten Mahnwachen, das International Leonard Peltier Defense Committee koordiniert die weltweite Bewegung.
Internationale Unterstützer (Auswahl)
Nelson Mandela
Friedensnobelpreis 1993
Rigoberta Menchú
Friedensnobelpreis 1992
Dalai Lama
Spirituelles Oberhaupt
Desmond Tutu
Anti-Apartheid-Kämpfer
Amnesty International
Seit 1977 aktiv
EU-Parlament
Resolution 1999
Robert Redford
Doku „Incident at Oglala“
Rage Against the Machine
Konzerte für Peltier
Es ist endlich vorbei – ich gehe nach Hause. Sie mögen mich eingesperrt haben, aber sie haben mir nie meinen Geist genommen.
— Leonard Peltier, am Tag seiner Haftentlassung, 18. Februar 2025
Was die Freilassung für indigene Rechte bedeutet
Die Freilassung von Leonard Peltier ist mehr als das Ende einer einzelnen Haftstrafe. Für die indigenen Völker Nordamerikas ist sie ein Symbol – wie vor ihm bereits Wounded Knee 1973 oder die Standing-Rock-Proteste 2016. Nick Tilsen vom NDN Collective sprach von einem Sieg, der „aus 50 Jahren generationsübergreifenden Widerstand“ gewonnen wurde.
Gleichzeitig zeigt der Fall: Das US-Justizsystem hat sich nie offiziell zu seinen Fehlern bekannt. Kein FBI-Agent wurde je belangt. Kein Richter widerrief sein Urteil. Joseph Stuntz‘ Tod wurde nie ermittelt. Die 12.000 zensierten FBI-Akten bleiben unter Verschluss. Peltier ist frei – aber das System, das ihn fast ein halbes Jahrhundert lang einsperrte, existiert weiter.
📌 Der Adlerstab als Symbol
Bei der Begrüßungszeremonie im Turtle-Mountain-Reservat erhielt Peltier einen Adlerstab – eines der höchsten spirituellen Symbole der Lakota. Der Sprecher der Gemeinschaft begründete dies damit, dass Peltier „Tausende von Kilometern auf dem Weg der Gerechtigkeit zurückgelegt“ habe. Der Adler verkörpert in der indigenen Spiritualität die Verbindung zum Großen Geist, Weisheit und Widerstandsfähigkeit.
Fazit: Spätes Ende einer dunklen Geschichte
Leonard Peltier ist heute 81 Jahre alt, halb blind, an Diabetes erkrankt – ein gebrochener, aber ungebeugter Mann. Seine Freilassung kommt fast zu spät. Fast fünf Jahrzehnte seines Lebens hat er hinter Beton und Stahl verbracht, für eine Tat, deren Beweislage international als unhaltbar gilt. Der scheidende Joe Biden hat in den letzten Sekunden seiner Amtszeit getan, was vier Präsidenten vor ihm verweigerten – und doch nur das Mindeste, was möglich war.
Der Fall Peltier wird in die Geschichte eingehen als Mahnmal dafür, wie tief die Wunden zwischen den USA und ihren First Nations reichen. Solange die FBI-Akten geschwärzt bleiben, solange Joseph Stuntz‘ Tod ungeahndet ist, solange Peltier formal schuldig bleibt, ist das Kapitel nicht abgeschlossen. Aber zumindest dieser eine alte Mann, der seit 1976 für ein Symbol des Widerstands stand, ist jetzt zu Hause. Bei seiner Familie. In Turtle Mountain. Wo er hingehört.
Letzte Bearbeitung am Sonntag, 3. Mai 2026 – 8:21 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.
