Little Big Man (1970) – Der Western, der das Genre für immer veränderte
Little Big Man aus dem Jahr 1970 ist einer der bedeutendsten und einflussreichsten Western-Filme der Kinogeschichte. Regisseur Arthur Penn inszenierte mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle eine epische Erzählung, die den amerikanischen Westen aus der Perspektive der Besiegten zeigt – und damit das klassische Western-Genre auf den Kopf stellte. Der Film basiert auf Thomas Bergers gleichnamigem Roman von 1964 und erzählt die fiktive Lebensgeschichte von Jack Crabb, einem 121 Jahre alten Mann, der behauptet, der einzige weiße Überlebende der Schlacht am Little Bighorn gewesen zu sein. Zwischen Satire, Tragödie und Abenteuer pendelt Little Big Man meisterhaft und hält dem Amerika der Vietnamkriegsära einen unbequemen Spiegel vor.
🎬 Little Big Man (1970)
Arthur Penns revolutionärer Anti-Western mit Dustin Hoffman
Die Entstehung von Little Big Man
Als Arthur Penn 1970 seinen Film Little Big Man in die Kinos brachte, befand sich Amerika mitten in einer tiefen Identitätskrise. Der Vietnamkrieg eskalierte, die Bürgerrechtsbewegung hatte das Land erschüttert, und das Massaker von My Lai (1968) hatte die Öffentlichkeit schockiert. In diesem Klima entstand ein Western, der mit den Mythen der amerikanischen Gründungsgeschichte radikal abrechnete.
Die Vorlage lieferte Thomas Bergers satirischer Roman „Little Big Man“ von 1964, der die Pikaresken-Tradition – also den Schelmenroman – mit der Geschichte des amerikanischen Westens verband. Produzent Stuart Millar sicherte sich die Filmrechte und gewann Arthur Penn als Regisseur, der nach seinem Erfolg mit „Bonnie und Clyde“ (1967) als einer der innovativsten Filmemacher Hollywoods galt. Für die Hauptrolle wurde Dustin Hoffman verpflichtet, der gerade durch „Die Reifeprüfung“ (1967) und „Asphalt-Cowboy“ (1969) zum Superstar aufgestiegen war.
📖 Von der Romanvorlage zum Film
Thomas Bergers Roman umfasst deutlich mehr Episoden als der Film. Drehbuchautor Calder Willingham musste das über 400 Seiten starke Werk erheblich straffen, behielt aber die zentrale Rahmenerzählung bei: Ein Historiker besucht den 121-jährigen Jack Crabb im Altersheim, der ihm seine unglaubliche Lebensgeschichte erzählt. Diese Struktur erlaubt es dem Film, zwischen Humor, Satire und erschütternder Tragödie zu wechseln – manchmal innerhalb einer einzigen Szene.
Die Handlung: Jack Crabbs Odyssee durch den Wilden Westen
Die Geschichte von Little Big Man entfaltet sich als epische Rahmenerzählung. Der uralte Jack Crabb (Dustin Hoffman unter aufwendigem Altersmasken-Make-up) berichtet einem jungen Historiker von seinem unglaublichen Leben, das ihn immer wieder zwischen der Welt der Weißen und der Welt der Cheyenne hin- und herwarf.
Der Junge zwischen zwei Welten
Als Kind überlebt Jack Crabb einen Überfall auf den Planwagen seiner Familie. Er wird von den Cheyenne aufgenommen und von Häuptling Old Lodge Skins (Chief Dan George) wie ein eigener Sohn aufgezogen. Jack erhält den Namen „Little Big Man“ und lernt die Lebensweise der „Menschenwesen“ – so nennen sich die Cheyenne selbst.
Zwischen Heuchelei und Scheinheiligkeit
Nach einer Schlacht wird Jack von Soldaten „gerettet“ und kommt zu einer bigotten Pfarrersfamilie. Er durchläuft verschiedene Stationen der weißen Gesellschaft: Gehilfe eines Quacksalbers, Kaufmann, Revolverheld. Jede Rolle entlarvt die Doppelmoral der „zivilisierten“ Welt.
Begegnungen mit Legenden
Jack begegnet Wild Bill Hickok, wird Alkoholiker, Einsiedler und kehrt immer wieder zu den Cheyenne zurück. Jede Rückkehr zeigt die zunehmende Zerstörung ihrer Lebensweise durch die weiße Expansion.
Der Wendepunkt
Die US-Kavallerie unter General Custer überfällt ein friedliches Cheyenne-Dorf. Jacks Frau und sein Kind werden getötet. Diese Szene – inspiriert vom historischen Massaker von 1868 – markiert den emotionalen Tiefpunkt des Films und Jacks Wendepunkt zum Rachedurst.
Custers letzter Stand
Jack dient als Scout für General Custer und gibt ihm absichtlich einen fatalen Rat, der zur vernichtenden Niederlage führt. Die Schlacht am Little Bighorn wird zum Höhepunkt des Films – und zum symbolischen Triumph der Unterdrückten.
Die Besetzung: Dustin Hoffman und Chief Dan George
Der Erfolg von Little Big Man steht und fällt mit seinen beiden Hauptdarstellern, die unterschiedlicher nicht sein könnten – und doch eine unvergessliche Leinwandchemie entwickeln.
Dustin Hoffman
als Jack Crabb / Little Big Man
Chief Dan George
als Old Lodge Skins
🎬 Weitere wichtige Darsteller
Faye Dunaway als Mrs. Pendrake – die scheinheilige Pfarrersfrau mit heimlichen Gelüsten. Martin Balsam als Allardyce T. Merriweather – der betrügerische Quacksalber. Richard Mulligan als General George Armstrong Custer – dargestellt als wahnsinniger, eitler Narzisst. Jeff Corey als Wild Bill Hickok – melancholisch und desillusioniert.
Themen und Botschaft: Mehr als nur ein Western
Little Big Man ist auf mehreren Ebenen gleichzeitig lesbar – als Abenteuerfilm, als Satire, als Anklage und als philosophische Meditation über Identität. Die zentralen Themen des Films waren 1970 hochpolitisch und sind es bis heute geblieben.
Vietnam-Parallelen
Die Massaker an den Cheyenne spiegelten für das zeitgenössische Publikum unmissverständlich das Massaker von My Lai wider. Custers Größenwahn erinnerte an die Hybris der US-Militärführung in Südostasien.
Kritik am Manifest Destiny
Der Film demontiert den Mythos der „zivilisatorischen Mission“ Amerikas. Die „Wilden“ erweisen sich als die eigentlich Zivilisierten, während die weiße Gesellschaft von Gier, Heuchelei und Brutalität geprägt ist.
Identität und Zugehörigkeit
Jack Crabb gehört nirgendwo ganz dazu – weder bei den Weißen noch bei den Cheyenne. Sein Pendeln zwischen den Kulturen macht ihn zum idealen Beobachter und zum Sprachrohr für beide Seiten.
Die Unzuverlässigkeit der Geschichte
Ist Jack Crabb ein verlässlicher Erzähler? Der Film lässt diese Frage bewusst offen und hinterfragt damit, wer Geschichte schreibt – und wessen Perspektive dabei verlorengeht.
Klassischer Western vs. Little Big Man
Um die revolutionäre Wirkung von Little Big Man zu verstehen, muss man den Film im Kontext des klassischen Western-Genres betrachten. Jahrzehntelang hatten Filme wie „Der Schwarze Falke“ oder „Ringo“ die Ureinwohner als gesichtslose Bedrohung dargestellt. Penn drehte diese Perspektive um.
❌ Klassischer Hollywood-Western
✅ Little Big Man (1970)
Das Massaker am Washita: Die erschütterndste Szene des Films
⚔️ Die Zerstörung des Cheyenne-Dorfes
Die Darstellung des Massakers am Washita River gehört zu den verstörendsten Szenen, die je in einem Hollywood-Western gedreht wurden. Arthur Penn inszeniert den Überfall der Kavallerie auf das friedliche Winterlager der Cheyenne mit schonungsloser Direktheit: Soldaten erschießen fliehende Frauen, Kinder schreien im Chaos, Tipis brennen. Die Kamera verweigert dem Zuschauer jede Distanz.
Historisch basiert die Szene auf dem Angriff von Custers 7. Kavallerie auf das Dorf von Häuptling Black Kettle am 27. November 1868. Black Kettle hatte eine US-Flagge und eine weiße Friedensflagge über seinem Tipi gehisst – vergeblich. Über 100 Cheyenne wurden getötet, die meisten davon Frauen, Kinder und alte Menschen.
Für das amerikanische Kinopublikum von 1970, das täglich Bilder aus Vietnam sah, war die Parallele unübersehbar. Penn hat diese Verbindung bewusst hergestellt – ohne sie jemals explizit auszusprechen.
Manchmal kommen die Träume der Realität nahe. Es ist ein guter Tag zum Sterben. Danke für alles, was du mir gegeben hast. Nimm mich zurück, denn die Menschenwesen sind jetzt zu wenige.
— Old Lodge Skins (Chief Dan George) in Little Big Man
Produktion und historische Genauigkeit
Die Dreharbeiten zu Little Big Man fanden hauptsächlich in Montana und Kanada statt. Arthur Penn legte großen Wert auf eine möglichst authentische Darstellung der Cheyenne-Kultur, auch wenn der Film als Ganzes keine dokumentarische Genauigkeit anstrebt – er ist und bleibt eine Satire.
| Aspekt | Im Film | Historische Realität |
|---|---|---|
| Washita-Massaker | Jack Crabbs Frau und Kind werden getötet | Historisch belegt: Custers Angriff auf Black Kettles Dorf am 27.11.1868 |
| Battle of Little Bighorn | Jack gibt Custer absichtlich falschen Rat | Custers Niederlage am 25.6.1876 ist historisch, die Rolle eines „Jack Crabb“ fiktiv |
| Cheyenne-Kultur | Respektvoll, aber vereinfacht dargestellt | Berater der Cheyenne-Nation waren an der Produktion beteiligt |
| General Custer | Wahnsinniger Narzisst | Historisch umstritten: Von Helden bis Völkermörder reichen die Bewertungen |
| Wild Bill Hickok | Melancholischer, desillusionierter Revolverheld | Historische Person, die Begegnung mit Crabb ist fiktiv |
| „Heemaneh“ (Two-Spirit) | Little Horse wird als respektiertes Stammesmitglied gezeigt | Two-Spirit-Personen hatten in vielen indigenen Kulturen tatsächlich einen anerkannten sozialen Status |
⚠️ Kritikpunkte zur Besetzung
Obwohl Little Big Man für seine Zeit bahnbrechend war, wird heute kritisiert, dass die Hauptrolle eines zwischen den Kulturen wandelnden Mannes von einem weißen Schauspieler gespielt wird. Auch einige indigene Rollen wurden mit nicht-indigenen Darstellern besetzt. Chief Dan George als Old Lodge Skins bleibt jedoch ein Meilenstein der Repräsentation – er war einer der ersten indigenen Schauspieler, die für einen Oscar nominiert wurden.
Rezeption und kulturelle Wirkung
Little Big Man war sowohl an den Kinokassen als auch bei der Kritik ein Erfolg. Der Film spielte in den USA über 31 Millionen Dollar ein und wurde zu einem der prägenden Filme der New-Hollywood-Ära.
Auszeichnungen
Oscar-Nominierung für Chief Dan George als Bester Nebendarsteller. Nominierungen bei den Golden Globes. National Board of Review Award für Chief Dan George. Aufnahme in das National Film Registry der Library of Congress (2014).
Einfluss auf das Genre
Little Big Man ebnete den Weg für spätere revisionistische Western wie „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990), „Dead Man“ (1995) und „Die Ermordung des Jesse James“ (2007). Der Film bewies, dass das Western-Genre mehr sein konnte als Cowboys gegen Indianer.
Akademische Bedeutung
Der Film wird bis heute in Universitätskursen zu American Studies, Filmwissenschaft und Native American History behandelt. Er gilt als Schlüsselwerk zum Verständnis der kulturellen Umbrüche der 1970er Jahre.
Internationale Wirkung
Besonders in Europa – und gerade in Deutschland mit seiner Tradition der Karl-May-Filme – wurde Little Big Man als ehrlichere, reifere Darstellung des Westens gefeiert. Der Film traf den Nerv der 68er-Generation.
Little Big Man im Kontext der Anti-Western-Bewegung
Der Film steht nicht allein. Um 1970 herum entstand eine ganze Welle von Filmen, die den klassischen Western hinterfragten. Little Big Man ist jedoch der radikalste und zugleich unterhaltsamste Vertreter dieser Bewegung.
| Film | Jahr | Regisseur | Perspektive |
|---|---|---|---|
| Little Big Man | 1970 | Arthur Penn | Satirisch-tragische Sicht aus Cheyenne-Perspektive |
| Soldier Blue | 1970 | Ralph Nelson | Schockierend explizite Darstellung des Sand-Creek-Massakers |
| A Man Called Horse | 1970 | Elliot Silverstein | Weißer Lord wird in Sioux-Stamm aufgenommen |
| Jeremiah Johnson | 1972 | Sydney Pollack | Einsiedler im Konflikt mit Crow-Indianern |
| Der mit dem Wolf tanzt | 1990 | Kevin Costner | Kavallerieoffizier lebt bei den Lakota – 20 Jahre nach Little Big Man |
Die Regie: Arthur Penns Meisterstück
Arthur Penn war der ideale Regisseur für Little Big Man. Nach „Bonnie und Clyde“ hatte er bewiesen, dass er amerikanische Mythen dekonstruieren und gleichzeitig packend erzählen konnte. Sein Stil vereint in diesem Film mehrere scheinbar unvereinbare Elemente.
Komödie
Die Szenen mit dem Quacksalber Merriweather oder der lüsternen Mrs. Pendrake sind reiner Slapstick – grotesk und urkomisch.
Tragödie
Das Washita-Massaker und der langsame Untergang der Cheyenne-Kultur sind von erschütternder emotionaler Wucht.
Satire
Die Darstellung Custers als eitler Narr und die Entlarvung der weißen „Zivilisation“ sind schneidende Gesellschaftskritik.
Poesie
Die Szenen mit Old Lodge Skins – besonders sein „guter Tag zum Sterben“ – erreichen eine fast mythische Qualität und berühren zutiefst.
Fazit: Warum Little Big Man bis heute unverzichtbar ist
Little Big Man ist mehr als ein Anti-Western – er ist ein Film über das Gewissen einer Nation. Arthur Penns Meisterwerk von 1970 erzählt die Geschichte des amerikanischen Westens so, wie sie erzählt werden musste: als Tragödie, die sich hinter dem Mythos verbirgt. Dustin Hoffmans virtuose Darstellung und Chief Dan Georges unvergessliche Würde als Old Lodge Skins machen den Film zu einem zeitlosen Kinoerlebnis, das sowohl unterhält als auch aufwühlt.
Über 50 Jahre nach seiner Premiere hat der Film nichts von seiner Relevanz verloren. In einer Zeit, in der die Aufarbeitung kolonialer Geschichte weltweit an Bedeutung gewinnt, bleibt Little Big Man ein Pflichtfilm – nicht nur für Western-Fans, sondern für jeden, der verstehen will, wie Nationen ihre eigene Geschichte erzählen und welche Geschichten dabei verschwiegen werden. Der 121-jährige Jack Crabb hat noch immer viel zu sagen.
Letzte Bearbeitung am Samstag, 11. April 2026 – 17:58 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.
