Gojko Mitić – Der Winnetou des Ostens
Gojko Mitić war der unangefochtene Indianer-Star der DEFA und wurde als „Winnetou des Ostens“ zur Filmlegende. Während Pierre Brice im Westen Deutschlands als edler Apache über die Leinwand ritt, verkörperte der serbische Schauspieler in den Indianerfilmen der DDR stolze Häuptlinge und mutige Krieger, die gegen die Ungerechtigkeit der weißen Eroberer kämpften. Zwischen 1966 und 1983 spielte Gojko Mitić in zwölf DEFA-Indianerfilmen die Hauptrolle und begeisterte dabei nicht nur das Publikum in der DDR, sondern in der gesamten sozialistischen Welt. Seine Filme erreichten über 100 Millionen Zuschauer – eine Zahl, die selbst Hollywood-Produktionen beeindrucken dürfte. Bis heute gilt er als einer der prägendsten Western-Darsteller des europäischen Kinos.
🎬 Gojko Mitić – Der Winnetou des Ostens
Indianer-Held der DEFA und Kultfigur des sozialistischen Western-Kinos
Vom Turnhallenboden zur Leinwand: Der Weg des Gojko Mitić
Die Geschichte von Gojko Mitić beginnt nicht in den Weiten der amerikanischen Prärie, sondern in einem kleinen serbischen Dorf. Am 13. Juni 1940 wurde er in Strojkovce bei Leskovac im damaligen Königreich Jugoslawien geboren. Schon als Kind war er sportlich außergewöhnlich begabt – eine Eigenschaft, die sein gesamtes Leben und seine Karriere bestimmen sollte.
Mitić studierte an der Universität Belgrad Sportwissenschaften und arbeitete als Sportlehrer, bevor ihn das Kino entdeckte. Seine athletische Erscheinung – durchtrainiert, beweglich und mit einer natürlichen Ausstrahlung gesegnet – machte ihn zunächst zum gefragten Stuntman in internationalen Produktionen. In den frühen 1960er Jahren wirkte er als Statist und Stuntdouble in mehreren deutschen Karl-May-Verfilmungen mit, darunter Old Shatterhand (1964) und Unter Geiern (1964). Ironischerweise doubelte er dabei genau jene Darsteller, deren Ruhm er bald in einem anderen Teil Deutschlands übertreffen sollte.
🏹 Wussten Sie schon?
Gojko Mitić führte nahezu alle seine Stunts selbst aus – ohne Double. Er ritt, kletterte, sprang und kämpfte vor der Kamera, was ihm den Respekt des gesamten Filmteams einbrachte. Bei den Dreharbeiten zu „Die Söhne der großen Bärin“ verletzte er sich am ersten Drehtag so schwer, dass er genäht werden musste – und stand am nächsten Tag wieder vor der Kamera.
Die DEFA-Indianerfilme: Ein Gegenentwurf zum Western
Die Deutsche Film AG (DEFA), das staatliche Filmstudio der DDR, suchte Mitte der 1960er Jahre nach einer Antwort auf die westdeutschen Karl-May-Filme, die auch im Osten enormen Zuspruch fanden. Das Ergebnis war ein einzigartiges Filmgenre: der DEFA-Indianerfilm. Anders als die Karl-May-Verfilmungen oder die klassischen Hollywood-Western erzählten diese Filme die Geschichte konsequent aus der Perspektive der indigenen Völker Nordamerikas.
Die Indianer waren hier keine exotische Kulisse oder edle Wilde – sie waren die Protagonisten, deren Kampf gegen Landraub, Vertragsbruch und Genozid im Mittelpunkt stand. Die politische Botschaft war durchaus gewollt: Die Unterdrückung der Native Americans durch die kapitalistische Expansion ließ sich hervorragend als Parabel auf den Imperialismus lesen. Doch jenseits aller Ideologie funktionierten die Filme vor allem als packende Abenteuergeschichten mit einem charismatischen Helden.
🎥 DEFA-Indianerfilm vs. Karl-May-Film
Während Pierre Brice als Winnetou die Freundschaft zwischen Rot und Weiß feierte, zeigte Gojko Mitić den Widerstand gegen die weiße Eroberung. Die DEFA-Filme basierten häufig auf historischen Ereignissen und boten eine deutlich politischere Perspektive – allerdings nicht ohne eigene Klischees und ideologische Vereinfachungen.
Die großen Filme des Gojko Mitić
Zwischen 1966 und 1983 drehte die DEFA zwölf Indianerfilme mit Gojko Mitić in der Hauptrolle. Jeder einzelne wurde zum Kassenerfolg – in der DDR, aber auch in der Sowjetunion, Polen, der Tschechoslowakei und vielen weiteren Ländern.
Die Söhne der großen Bärin
1966 – Der Durchbruch
Der Film, der alles veränderte. Basierend auf dem Bestseller von Liselotte Welskopf-Henrich erzählt er die Vertreibung der Dakota aus den Black Hills. Mitić wurde über Nacht zum Star.
Chingachgook, die große Schlange
1967 – Cooper-Adaption
Eine Neuinterpretation von Coopers „Lederstrumpf“ – diesmal aus der Sicht des Mohikaners Chingachgook. Die DEFA drehte den Blickwinkel der klassischen Erzählung um.
Apachen
1973 – Höhepunkt
Einer der härtesten und realistischsten DEFA-Indianerfilme. Die Geschichte des Apachen-Häuptlings Ulzana und seines verzweifelten Kampfes gegen die US-Armee.
Severino
1978 – Der letzte Krieger
Ein ungewöhnlicher DEFA-Indianerfilm, der in Lateinamerika spielt und zeigt, dass Mitić auch jenseits der nordamerikanischen Prärie überzeugen konnte.
Die komplette DEFA-Indianerfilm-Filmografie
| Jahr | Film | Rolle | Volk | Regie |
|---|---|---|---|---|
| 1966 | Die Söhne der großen Bärin | Tokei-ihto | Dakota | Josef Mach |
| 1967 | Chingachgook, die große Schlange | Chingachgook | Mohikaner | Richard Groschopp |
| 1968 | Spur des Falken | Weitspähender Falke | Shawnee | Gottfried Kolditz |
| 1969 | Weiße Wölfe | Tokei-ihto | Dakota | Konrad Petzold |
| 1970 | Tödlicher Irrtum | Harter Felsen | Nez Percé | Konrad Petzold |
| 1971 | Osceola | Osceola | Seminole | Konrad Petzold |
| 1972 | Tecumseh | Tecumseh | Shawnee | Hans Kratzert |
| 1973 | Apachen | Ulzana | Apache | Gottfried Kolditz |
| 1974 | Ulzana | Ulzana | Apache | Gottfried Kolditz |
| 1975 | Blutsbrüder | Harter Felsen | Dakota | Werner W. Wallroth |
| 1978 | Severino | Severino | – | Claus Dobberke |
| 1983 | Der Scout | Weitspähender Falke | Nez Percé | Konrad Petzold |
Ost gegen West: Gojko Mitić vs. Pierre Brice
Der Vergleich zwischen Gojko Mitić und Pierre Brice ist unvermeidlich – und äußerst aufschlussreich. Beide Schauspieler prägten das Bild des edlen Indianers in der deutschen Kinolandschaft, doch ihre Filme könnten unterschiedlicher kaum sein. Während die eine Seite die deutsch-indianische Freundschaft feierte, thematisierte die andere den kolonialen Widerstand.
🤠 BRD: Pierre Brice als Winnetou
- Vorlage: Karl-May-Romane (fiktiv)
- Perspektive: Freundschaft zwischen Old Shatterhand & Winnetou
- Botschaft: Versöhnung, edle Wilde, Romantik
- Drehorte: Kroatien (Plitvicer Seen)
- Bösewichte: Einzelne böse Weiße und Indianer
- Ton: Abenteuerlich, romantisch, unterhaltend
- Zeitraum: 1962–1968 (11 Filme)
🏹 DDR: Gojko Mitić als Indianerheld
- Vorlage: Historische Ereignisse & DDR-Literatur
- Perspektive: Ausschließlich aus Sicht der Indianer
- Botschaft: Widerstand gegen Imperialismus, Kolonialismuskritik
- Drehorte: Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien, Krim
- Bösewichte: US-Armee, Regierung, Kapitalisten
- Ton: Politisch, tragisch, kämpferisch
- Zeitraum: 1966–1983 (12 Filme)
⚠️ Ideologie und Klischees auf beiden Seiten
Weder die westdeutschen Karl-May-Filme noch die DEFA-Indianerfilme boten ein historisch akkurates Bild der Native Americans. Beide Seiten bedienten sich stereotyper Darstellungen – die BRD romantisierte, die DDR politisierte. In beiden Fällen spielten Europäer die Indianerrollen, was aus heutiger Sicht kritisch betrachtet wird. Dennoch waren die DEFA-Filme in ihrer Sympathie für die indigenen Völker ihrer Zeit deutlich voraus.
Drehorte: Wo der Wilde Westen nachgebaut wurde
Da weder die BRD noch die DDR über passende Landschaften verfügten, wurde der Wilde Westen in Südosteuropa nachgebaut. Die DEFA drehte vor allem in Jugoslawien (Montenegro, Serbien), Rumänien, Bulgarien und auf der Krim. Die zerklüfteten Gebirgslandschaften des Balkans und die weiten Steppen der Krim boten eine überzeugende Kulisse für die nordamerikanische Wildnis – manchmal sogar überzeugender als die kroatischen Plitvicer Seen der Karl-May-Filme.
Der Mensch hinter dem Mythos
Gojko Mitić – Steckbrief
Schauspieler, Stuntman, Regisseur
Karriere-Stationen: Von Belgrad nach Bad Segeberg
Geburt in Serbien
Gojko Mitić wird in dem kleinen Dorf Strojkovce bei Leskovac im Süden Serbiens geboren. Er wächst in einfachen Verhältnissen auf.
Stuntman in internationalen Produktionen
Nach seinem Sportstudium arbeitet Mitić als Stuntman bei westdeutschen und internationalen Filmproduktionen in Jugoslawien – darunter mehrere Karl-May-Filme.
Der Durchbruch: „Die Söhne der großen Bärin“
Die DEFA castet ihn für die Hauptrolle des Dakota-Häuptlings Tokei-ihto. Der Film wird mit rund 10 Millionen Zuschauern zum größten Kinoerfolg der DDR. Ein Star ist geboren.
Die goldene Ära der DEFA-Indianerfilme
In 17 Jahren dreht Mitić zwölf Indianerfilme als Hauptdarsteller. Er verkörpert Dakota, Apachen, Seminolen, Shawnee und Mohikaner – jede Rolle mit unverwechselbarer Intensität.
Die Wende und das Ende der DEFA
Mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung endet die DEFA-Ära. Für viele Ost-Stars bedeutet das das Karriereende – nicht so für Gojko Mitić.
Winnetou in Bad Segeberg
Die symbolträchtigste Besetzung der deutschen Theatergeschichte: Der „Ost-Indianer“ Mitić übernimmt die Rolle des Winnetou bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg – Ost und West vereint auf einer Bühne.
Lebende Legende
Mit über 80 Jahren ist Gojko Mitić nach wie vor aktiv und ein gefragter Gast auf Conventions, Festivals und in Talkshows. Sein Kultstatus ist generationsübergreifend.
Ich habe nie einen echten Indianer gespielt – ich habe die Idee des Widerstands verkörpert. Dass Menschen sich wehren, wenn man ihnen ihre Heimat nimmt, ihre Kultur zerstört, ihre Kinder tötet. Das ist keine Frage der Hautfarbe, das ist eine Frage der Menschlichkeit.
— Gojko Mitić, in einem Interview über seine DEFA-Karriere
Warum die DEFA-Indianerfilme bis heute faszinieren
Die DEFA-Indianerfilme mit Gojko Mitić sind mehr als nostalgische Relikte des DDR-Kinos. Sie bieten eine Perspektive, die im westlichen Kino erst Jahrzehnte später Einzug hielt. Filme wie Dances with Wolves (1990) oder Der mit dem Wolf tanzt wurden für ihren empathischen Blick auf die Native Americans gefeiert – die DEFA hatte diesen Blick bereits in den 1960er Jahren gewagt.
Perspektivwechsel
Die Indianer waren nicht die Feinde, sondern die Helden. Ein radikaler Bruch mit der Western-Tradition, der seiner Zeit voraus war.
Historische Basis
Viele Filme basierten auf realen Ereignissen und Persönlichkeiten wie Tecumseh oder Osceola – keine reine Fiktion wie bei Karl May.
Authentische Action
Gojko Mitić machte seine Stunts selbst. Keine Doubles, keine Tricks – echte Reitkunst, echte Kämpfe, echte Gefahr.
Ikonische Filmmusik
Komponisten wie Karl-Ernst Sasse schufen unvergessliche Soundtracks, die noch heute bei Fans Gänsehaut auslösen.
Das schwierige Erbe: Kritik und Einordnung
Bei aller Begeisterung dürfen die DEFA-Indianerfilme nicht unkritisch betrachtet werden. Auch die DDR-Produktionen bedienten sich kultureller Aneignung: Ein weißer Europäer spielte indigene Amerikaner, geschminkt und kostümiert nach westlichen Vorstellungen. Die politische Instrumentalisierung war offensichtlich – die Filme dienten auch der sozialistischen Propaganda, indem sie den amerikanischen Kapitalismus als Wurzel allen Übels darstellten.
Gleichzeitig förderten die Filme ein echtes Interesse an indigenen Kulturen. In der DDR gab es eine lebendige „Indianistik“-Szene – Vereine, die sich mit der Geschichte und Kultur der Native Americans beschäftigten, Powwows organisierten und Kontakte zu echten indigenen Gemeinschaften pflegten. Dieses Interesse besteht in Ostdeutschland bis heute fort.
Das Vermächtnis des Gojko Mitić
Filmgeschichte
12 DEFA-Indianerfilme, die ein ganzes Genre definierten und über 100 Millionen Menschen erreichten.
Ost-West-Versöhnung
Als Winnetou in Bad Segeberg vereinte er symbolisch die geteilte deutsche Kinotradition.
Indianistik-Bewegung
Seine Filme inspirierten eine einzigartige kulturelle Bewegung in der DDR und darüber hinaus.
Generationen-Ikone
Für Millionen Ostdeutsche ist er bis heute DER Indianer – noch vor Winnetou.
Fazit: Mehr als nur der „Winnetou des Ostens“
Gojko Mitić als bloßes Ost-Pendant zu Pierre Brice abzutun, wird seiner Bedeutung nicht gerecht. Während Brice den romantischen Traum vom edlen Wilden verkörperte, stand Mitić für den Widerstand der Unterdrückten – eine Botschaft, die auch jenseits ideologischer Grenzen Gültigkeit besitzt. Seine Filme waren Pionierarbeit in Sachen Perspektivwechsel, lange bevor Hollywood begann, die Geschichte Amerikas auch aus Sicht der Besiegten zu erzählen.
Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem ersten Auftritt als Tokei-ihto, ist Gojko Mitić eine lebende Legende des europäischen Kinos. Sein Weg vom serbischen Sportlehrer zum größten Indianer-Darsteller des Ostblocks, vom DEFA-Star zum Winnetou der Karl-May-Festspiele, ist eine Geschichte, die selbst das Drehbuch eines Western nicht besser hätte schreiben können. Der „Winnetou des Ostens“ hat längst seinen festen Platz in der gesamtdeutschen Filmgeschichte – und in den Herzen von Millionen Fans.
Letzte Bearbeitung am Samstag, 11. April 2026 – 17:56 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.
