Der DEFA-Indianerfilm – Western aus der DDR

Der DEFA-Indianerfilm – Western aus der DDR

Der DEFA-Indianerfilm ist ein einzigartiges Kapitel der Filmgeschichte: Während Hollywood den weißen Sheriff zum Helden machte, drehte die DDR Western, in denen die Indianer die Protagonisten waren. Zwischen 1966 und 1985 produzierte die DEFA – die Deutsche Film-Aktiengesellschaft – insgesamt 14 Indianerfilme, die Millionen von Zuschauern begeisterten und bis heute Kultstatus genießen. Diese Filme waren mehr als Unterhaltung: Sie waren ideologische Gegenentwürfe zu Hollywood, künstlerisch ambitioniert und erstaunlich progressiv in ihrer Darstellung indigener Völker. Die Geschichte der DEFA-Indianerfilme ist zugleich die Geschichte eines geteilten Landes, das selbst im Kino seinen eigenen Weg ging.

🎬 Der DEFA-Indianerfilm – Western aus der DDR

Wenn der Wilde Westen im Sozialismus lag (1966–1985)

14 Indianerfilme produziert
~100 Mio. Kinobesucher im Ostblock
1966 Erster Film: „Die Söhne der großen Bärin“
Gojko Mitić Star aller Indianerfilme

Wie der Wilde Westen in die DDR kam

Western waren in den 1960er-Jahren das populärste Filmgenre der Welt. In der Bundesrepublik brachen die Karl-May-Verfilmungen mit Pierre Brice als Winnetou alle Rekorde, in Italien drehte Sergio Leone seine Spaghetti-Western, und Hollywood produzierte einen Klassiker nach dem anderen. Die DDR-Führung beobachtete diese Entwicklung mit Misstrauen – aber auch mit einem gewissen Neid auf die Zugkraft des Genres.

Das Problem: Amerikanische Western verherrlichten aus Sicht der SED die kapitalistische Landnahme, den Genozid an den Ureinwohnern und den Individualismus des weißen Helden. Gleichzeitig strömten DDR-Bürger scharenweise in die DEFA-Kinos, um dort – mangels Alternativen – sowjetische Filme zu sehen, die sie oft langweilten. Die DEFA brauchte Kassenschlager.

🎯 Die Idee: Den Western umdrehen

Die Lösung war so einfach wie genial: Man drehte den Hollywood-Western auf den Kopf. Statt des weißen Cowboys wurde der Indianer zum Helden. Die US-Armee, Siedler und Spekulanten wurden zu den Bösewichten. So konnte die DEFA ein populäres Genre bedienen und gleichzeitig antiimperialistische Propaganda betreiben – ein perfekter ideologischer Kompromiss.

Die Entstehung des DEFA-Indianerfilms

Der Startschuss fiel 1966 mit „Die Söhne der großen Bärin“ – einem Film, der alles veränderte. Regisseur Josef Mach adaptierte den gleichnamigen Roman von Liselotte Welskopf-Henrich, einer Berliner Historikerin und glühenden Verfechterin der Rechte indigener Völker. Der Film erzählte die Geschichte des Dakota-Häuptlings Tokei-ihto und seines Kampfes gegen die amerikanische Armee und goldgierige Siedler.

Der Erfolg war überwältigend: Über 10 Millionen DDR-Bürger sahen den Film im Kino – bei einer Gesamtbevölkerung von 17 Millionen. Damit war klar: Die DEFA hatte ein neues Erfolgsrezept gefunden. In den folgenden 19 Jahren entstanden 13 weitere Indianerfilme, die zusammen eine der erfolgreichsten Filmreihen der DDR-Geschichte bildeten.

1966

„Die Söhne der großen Bärin“

Der erste DEFA-Indianerfilm wird zum Kassenschlager. Gojko Mitić debütiert als Hauptdarsteller und wird über Nacht zum Star.

1968

„Spur des Falken“ & „Chingachgook, die große Schlange“

Die DEFA verfilmt James Fenimore Cooper. Die Produktionsfrequenz steigt – fast jedes Jahr erscheint ein neuer Indianerfilm.

1971

„Osceola“ – Höhepunkt der Reihe

Der Film über den Seminolen-Häuptling Osceola wird einer der erfolgreichsten DEFA-Filme überhaupt. Die Drehorte in Jugoslawien und der Mongolei verleihen den Filmen epische Weite.

1974–1979

Die goldene Phase

Filme wie „Ulzana“ (1974), „Blutsbrüder“ (1975) und „Severino“ (1978) festigen das Genre. Die Produktionen werden aufwendiger, die Geschichten differenzierter.

1983–1985

Die letzten Indianerfilme

„Der Scout“ (1983) und „Atkins“ (1985) markieren das Ende der Reihe. Die Produktionskosten steigen, das Interesse des Publikums wandelt sich.

Gojko Mitić – Der „Winnetou des Ostens“

Kein Name ist so eng mit dem DEFA-Indianerfilm verbunden wie Gojko Mitić. Der 1940 im serbischen Strojkovce geborene Schauspieler wurde zum unbestrittenen Star des Genres – und zum größten Filmhelden der DDR.

🎭

Gojko Mitić

Hauptdarsteller in 12 von 14 DEFA-Indianerfilmen

Geboren 1940 in Leskovac, Jugoslawien. Studierte Sport und arbeitete zunächst als Stuntman bei Karl-May-Filmen in Jugoslawien.
🎬 Spielte zwischen 1966 und 1985 in nahezu allen DEFA-Indianerfilmen die Hauptrolle – stets als stolzer, kämpferischer Indianerhäuptling.
💪 Führte fast alle Stunts selbst durch – Reitszenen, Klettereien, Kampfchoreografien. Er war ein ausgebildeter Sportler und Akrobat.
🏆 Wurde von der Zeitschrift „Filmspiegel“ mehrfach zum beliebtesten Schauspieler der DDR gewählt. Nach der Wende spielte er Winnetou bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg.
📖

Liselotte Welskopf-Henrich

Autorin & geistige Mutter des Genres

📚 Professorin für Alte Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin. Ihre Romane „Die Söhne der großen Bärin“ lieferten die Vorlage für den ersten Film.
🌍 Reiste mehrfach in die USA und lebte zeitweise bei den Lakota-Sioux in South Dakota. Ihre Darstellung der indigenen Kultur war für die damalige Zeit bemerkenswert fundiert.
Setzte sich aktiv für die Rechte der Native Americans ein und wurde von den Lakota als Ehrenmitglied adoptiert. Sie erhielt den indianischen Namen „Lakota-Tashina“ (Schützende Decke).
🎖️ Widerstandskämpferin im Dritten Reich – half verfolgten Juden und Zwangsarbeitern. Ihre humanistische Haltung prägte die Indianerfilme entscheidend.

Die wichtigsten DEFA-Indianerfilme im Überblick

Zwischen 1966 und 1985 produzierte die DEFA 14 Indianerfilme. Die meisten basierten auf historischen Ereignissen oder literarischen Vorlagen und erzählten vom Überlebenskampf der nordamerikanischen Ureinwohner gegen die weiße Expansion.

🏔️

Die Söhne der großen Bärin

1966 – Regie: Josef Mach

Hauptrolle Gojko Mitić als Tokei-ihto
Volk Dakota (Sioux)
Zuschauer DDR über 10 Millionen

Der Gründungsfilm des Genres. Tokei-ihto kämpft gegen die Vertreibung seines Volkes aus den Black Hills. Gedreht in Jugoslawien – die Berge Montenegros doppelten für die Badlands.

🌲

Chingachgook, die große Schlange

1967 – Regie: Richard Groschopp

Hauptrolle Gojko Mitić als Chingachgook
Vorlage J. F. Cooper: „Der Wildtöter“
Besonderheit Einzige Cooper-Verfilmung

Der Delaware-Häuptling Chingachgook sucht seine entführte Verlobte. Einer der wenigen DEFA-Indianerfilme mit einer klassischen literarischen Vorlage – und einer der atmosphärisch dichtesten.

⚔️

Osceola

1971 – Regie: Konrad Petzold

Hauptrolle Gojko Mitić als Osceola
Volk Seminolen (Florida)
Historischer Bezug Zweiter Seminolenkrieg (1835–1842)

Der historische Seminolen-Anführer Osceola wehrt sich gegen die Zwangsumsiedlung seines Volkes. Der Film thematisiert auch die Verbindung zwischen Sklaverei und Indianervertreibung – ein für die damalige Zeit ungewöhnlich komplexer Ansatz.

🤝

Blutsbrüder

1975 – Regie: Werner W. Wallroth

Hauptrollen Gojko Mitić & Dean Reed
Besonderheit US-Schauspieler in der Hauptrolle
Thema Freundschaft über Kulturgrenzen

Ein weißer Deserteur und ein Indianerhäuptling werden Blutsbrüder. Dean Reed, der „Rote Elvis“ – ein in die DDR emigrierter US-Amerikaner – spielte den weißen Protagonisten. Der Film gilt als einer der differenziertesten der Reihe.

Hollywood-Western vs. DEFA-Indianerfilm

Der fundamentale Unterschied zwischen Hollywood und Babelsberg lag nicht nur in der Perspektive, sondern in der gesamten Erzählphilosophie. Die DEFA drehte den Western buchstäblich um – mit weitreichenden Konsequenzen für Dramaturgie, Figurenzeichnung und politische Botschaft.

🇺🇸 Hollywood-Western

🤠 Held: Weißer Cowboy, Sheriff oder Kavallerist
🏜️ Indianer: Oft namenlose Bedrohung, „Wilde“
⚖️ Botschaft: Zivilisation besiegt die Wildnis
🎯 Konflikt: Gut (weiß) gegen Böse (indigen)
🗽 Ideologie: „Manifest Destiny“ – Expansion als Fortschritt
🎬 Drehorte: Monument Valley, Almería (Spanien)

🇩🇩 DEFA-Indianerfilm

🪶 Held: Indianischer Häuptling oder Krieger
🏛️ Weiße: Gierige Spekulanten, brutale Soldaten
Botschaft: Widerstand gegen Unterdrückung
⚔️ Konflikt: Unterdrückte gegen Imperialisten
Ideologie: Antiimperialismus, Klassenkampf
🎬 Drehorte: Jugoslawien, Mongolei, Rumänien, Kuba

📌 Wussten Sie schon?

Die DEFA-Indianerfilme waren in einem Punkt tatsächlich progressiver als Hollywood: Sie zeigten indigene Kulturen als gleichwertige Zivilisationen mit eigener Spiritualität, Rechtsprechung und sozialer Ordnung – zu einer Zeit, als Hollywood Indianer noch überwiegend als eindimensionale Feindbilder darstellte. Erst mit Filmen wie „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990) begann Hollywood, eine ähnliche Perspektive einzunehmen.

Drehorte und Produktion – Wilder Westen in Osteuropa

Einen echten amerikanischen Westen gab es in der DDR natürlich nicht. Also musste die DEFA kreativ werden. Die Suche nach geeigneten Landschaften führte die Filmteams quer durch den Ostblock – und darüber hinaus.

🏔️

Jugoslawien

Hauptdrehort für die meisten Filme. Die Schluchten Montenegros und die Berge Kroatiens boten spektakuläre Kulissen. Auch die Karl-May-Filme wurden hier gedreht – manchmal an denselben Locations.

🐎

Mongolei

Die endlosen Steppen der Mongolei dienten als Ersatz für die Great Plains. Die mongolischen Pferde und Reiter waren ein Glücksfall für die Produktion – Massenszenen mit echten Reiternomaden.

🏰

Rumänien & Bulgarien

Für Waldszenen und Flusslauflandschaften. Die Karpaten doppelten für die Appalachen, rumänische Festungen wurden zu US-Forts umgebaut.

🌴

Kuba

Für „Osceola“ und andere Filme mit subtropischem Setting. Die kubanische Landschaft bot authentische Kulissen für Geschichten, die in Florida oder im Süden der USA spielten.

Ideologie und Grenzen des Genres

So progressiv die DEFA-Indianerfilme in mancher Hinsicht waren – sie blieben Produkte eines autoritären Staates. Die ideologische Instrumentalisierung war allgegenwärtig, auch wenn die besten Filme des Genres diese Grenzen geschickt unterliefen.

⚠️ Die ideologischen Fallstricke

  • 🔴 Schwarz-Weiß-Zeichnung: Indianer waren fast ausnahmslos edel und gut, Weiße fast immer gierig und brutal. Differenzierte Figuren auf beiden Seiten blieben die Ausnahme.
  • 🔴 Antiamerikanismus als Programm: Die Filme dienten auch der Propaganda gegen die USA im Kalten Krieg. Die historische Indianervertreibung wurde als Beweis für die „Unmenschlichkeit des Kapitalismus“ instrumentalisiert.
  • 🔴 Romantisierung: Die indigenen Kulturen wurden idealisiert und teilweise nach sozialistischen Idealen umgedeutet – als „klassenlose Urgesellschaften“ ohne innere Konflikte.
  • 🔴 Fehlende Authentizität: Trotz guter Recherche blieben die Filme europäische Interpretationen. Echte Native Americans waren an der Produktion nicht beteiligt.
  • 🔴 Casting: Gojko Mitić – ein Serbe – spielte Dakota, Seminolen, Delawaren und Apachen. Europäische Schauspieler in Indianerrollen sind aus heutiger Sicht problematisch.

⚖️ Einordnung aus heutiger Sicht

Die DEFA-Indianerfilme bewegen sich in einem Spannungsfeld: Einerseits waren sie für ihre Zeit bemerkenswert empathisch gegenüber indigenen Völkern und thematisierten historisches Unrecht, das Hollywood lange verdrängte. Andererseits bedienten sie sich kolonialer Blickmuster – Europäer erzählten Geschichten über Nicht-Europäer, ohne deren Stimmen einzubeziehen. Dieses Paradox macht sie zu faszinierenden Zeitdokumenten.

DEFA-Indianerfilm vs. Karl-May-Filme – Der deutsch-deutsche Vergleich

In Ost und West drehte man gleichzeitig Filme über den Wilden Westen – aber mit völlig unterschiedlichen Ansätzen. Während Pierre Brice in der BRD den edlen Winnetou gab, ritt Gojko Mitić im Osten als Tokei-ihto über die Leinwand.

Aspekt Karl-May-Filme (BRD) DEFA-Indianerfilme (DDR)
Zeitraum 1962–1968 1966–1985
Hauptdarsteller Pierre Brice (Franzose) Gojko Mitić (Jugoslawe)
Perspektive Dual – Old Shatterhand & Winnetou Primär indianisch
Vorlage Karl May (Fiktion) Historische Ereignisse & Romane
Ton Abenteuerlich, romantisch Politisch, kämpferisch
Drehorte Kroatien (Plitvicer Seen) Jugoslawien, Mongolei, Kuba
Historische Basis Gering (Karl May war nie in Amerika) Höher (reale Konflikte als Grundlage)
Ende des Helden Winnetou stirbt tragisch Helden kämpfen weiter – oder sterben im Widerstand

Wir wollten keine Abenteuerfilme machen, in denen der Indianer nur die Kulisse für den weißen Helden ist. Wir wollten zeigen, dass diese Menschen eine Kultur hatten, eine Geschichte, eine Würde – und dass ihnen all das geraubt wurde.

— Konrad Petzold, Regisseur von „Osceola“ und „Ulzana“

Das Vermächtnis der DEFA-Indianerfilme

Mit der Wiedervereinigung 1990 endete die DEFA – und mit ihr eine einzigartige Filmtradition. Doch das Erbe der Indianerfilme lebt weiter, auf Weisen, die ihre Schöpfer kaum erahnt hätten.

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Kultstatus im Fernsehen

Die DEFA-Indianerfilme werden bis heute regelmäßig im deutschen Fernsehen ausgestrahlt – besonders zu Feiertagen. Für viele Ostdeutsche sind sie Teil der kulturellen Identität.

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Gojko Mitić als Winnetou

Die vielleicht größte Ironie der Geschichte: Nach der Wende übernahm Gojko Mitić die Rolle des Winnetou bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg – der Held des Ostens wurde zum Star des Westens.

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„Indianistik“-Bewegung

Die Filme inspirierten in der DDR eine lebhafte Hobbyisten-Szene: Tausende DDR-Bürger trafen sich in „Indianerclubs“, nähten Trachten und lebten am Wochenende in Tipis. Diese Szene existiert bis heute.

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Filmwissenschaftliche Bedeutung

International werden die DEFA-Indianerfilme heute als einzigartiges Beispiel für ideologische Genrefilme studiert – als „Sozialistische Western“, die den Blick auf den Wilden Westen radikal verschoben.

Fazit

Der DEFA-Indianerfilm war mehr als sozialistisches Gegenkino zu Hollywood. Er war ein faszinierendes kulturelles Experiment: der Versuch, das populärste Filmgenre der Welt für die eigene Ideologie zu nutzen – und dabei, oft gegen die eigene Absicht, etwas Eigenständiges und Wertvolles zu schaffen. Die besten Filme der Reihe erzählen von Mut, Widerstand und dem Kampf um Würde – Themen, die über jede Ideologie hinausreichen.

Dass ausgerechnet ein serbischer Sportler zum größten Filmhelden eines ostdeutschen Staates wurde, indem er nordamerikanische Indianer in jugoslawischen Bergen spielte – das ist eine Geschichte, die sich kein Drehbuchautor hätte ausdenken können. Die DEFA-Indianerfilme bleiben ein einzigartiges Kapitel der deutschen und internationalen Filmgeschichte: ideologisch aufgeladen, handwerklich beachtlich und bis heute erstaunlich unterhaltsam.

Letzte Bearbeitung am Samstag, 11. April 2026 – 17:55 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.

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