Bury My Heart at Wounded Knee (2007) – Der HBO-Film über das Massaker und den Untergang der Lakota
Bury My Heart at Wounded Knee ist ein HBO-Fernsehfilm aus dem Jahr 2007, der auf dem gleichnamigen Bestseller von Dee Brown basiert. Der Film erzählt die erschütternde Geschichte der systematischen Vertreibung und Vernichtung der indigenen Völker Nordamerikas – mit besonderem Fokus auf die Lakota-Sioux und das Massaker von Wounded Knee im Jahr 1890. Regisseur Yves Simoneau schuf ein eindringliches Drama, das die Perspektive der Ureinwohner in den Mittelpunkt stellt und die dunkle Seite der amerikanischen Westexpansion schonungslos beleuchtet. Der Film gewann 2007 den Emmy Award und gilt als einer der wichtigsten Western-Filme über die Indianerkriege.
Bury My Heart at Wounded Knee (2007)
Das erschütternde HBO-Drama über das Ende der Lakota-Freiheit
Die Buchvorlage und der Weg zum Film
Bury My Heart at Wounded Knee basiert auf dem 1970 erschienenen Sachbuch von Dee Brown, das die amerikanische Geschichtsschreibung revolutionierte. Browns Werk war eines der ersten Bücher, das die Eroberung des amerikanischen Westens konsequent aus der Perspektive der indigenen Völker erzählte. Es wurde zu einem Bestseller mit über fünf Millionen verkauften Exemplaren und gilt bis heute als Standardwerk zur Geschichte der Indianerkriege.
Die filmische Umsetzung durch HBO war ein lang gehegtes Projekt. Bereits in den 1990er Jahren gab es Versuche, das Buch als Kinofilm zu adaptieren, doch die Komplexität des Stoffes – Brown behandelt Dutzende von Stämmen und Jahrzehnte der Vertreibung – machte eine Verdichtung extrem schwierig. Drehbuchautor Daniel Giat löste dieses Problem, indem er die Handlung auf drei zentrale Handlungsstränge konzentrierte und die historische Figur des Charles Eastman (Ohiyesa) als emotionalen Anker der Erzählung einsetzte.
📖 Zum Titel des Films
Der Titel „Bury My Heart at Wounded Knee“ stammt ursprünglich aus dem Gedicht „American Names“ (1927) von Stephen Vincent Benét. Die Zeile lautet: „I shall not rest quiet in Montparnasse … Bury my heart at Wounded Knee.“ Dee Brown wählte sie als Titel seines Buches, weil sie die tiefe Trauer über das Schicksal der indigenen Völker perfekt einfängt. Wounded Knee Creek in South Dakota wurde damit zum Symbol für das Ende einer Epoche.
Handlung – Drei Schicksale, eine Tragödie
Der Film erstreckt sich über den Zeitraum von 1876 bis 1890 und verwebt drei Handlungsstränge, die gemeinsam das Bild einer unaufhaltsamen Zerstörung zeichnen. Im Zentrum steht nicht die spektakuläre Schlachtszene, sondern der stille, systematische Prozess der Entrechtung und kulturellen Auslöschung.
Charles Eastman (Ohiyesa) – Zwischen zwei Welten
Der junge Santee-Sioux Charles Eastman, gespielt von Adam Beach, wird als Kind von seinem Vater in die weiße Gesellschaft geschickt, um eine westliche Ausbildung zu erhalten. Er studiert Medizin am Dartmouth College und an der Boston University und kehrt als Dr. Charles Eastman in die Pine Ridge Reservation zurück. Dort wird er Zeuge des Massakers von Wounded Knee und muss die Verwundeten versorgen – ein Erlebnis, das sein Vertrauen in die „zivilisierte“ Welt der Weißen fundamental erschüttert.
Sitting Bull – Der unbeugsame Widerstand
August Schellenberg verkörpert den legendären Hunkpapa-Lakota-Häuptling Sitting Bull, der sich weigert, die Lebensweise seines Volkes aufzugeben. Nach der Schlacht am Little Bighorn 1876 flieht er nach Kanada, kehrt aber schließlich zurück und ergibt sich den US-Behörden. In der Reservation wird er zum Symbol des Widerstands – und genau deshalb zum Ziel der Regierung. Seine Ermordung am 15. Dezember 1890 durch indianische Polizisten im Auftrag der US-Armee bildet einen der dramatischen Höhepunkte des Films.
Senator Henry Dawes – Die „wohlmeinende“ Vernichtung
Aidan Quinn spielt Senator Henry Dawes, den Architekten des Dawes Act von 1887. Dawes glaubt aufrichtig, dass die Aufteilung des Stammeslandes in Einzelparzellen den Indianern helfen wird, sich in die amerikanische Gesellschaft zu integrieren. Der Film zeigt, wie diese „wohlmeinende“ Politik in Wahrheit zur Enteignung von Millionen Acres Stammesland führt – ein Genozid durch Bürokratie.
Adam Beach
als Charles Eastman (Ohiyesa)
August Schellenberg
als Sitting Bull
Aidan Quinn
als Senator Henry Dawes
Der historische Hintergrund: Von Little Bighorn nach Wounded Knee
Um den Film Bury My Heart at Wounded Knee vollständig zu verstehen, muss man die historischen Ereignisse kennen, die er abbildet. Die 14 Jahre zwischen 1876 und 1890 markieren den endgültigen Untergang der freien Prärie-Indianer.
Der letzte große Sieg der Lakota
Sitting Bull und Crazy Horse besiegen General Custers 7. Kavallerie. Der Sieg wird zum Pyrrhussieg – die US-Regierung reagiert mit totaler Vergeltung.
Das Ende des bewaffneten Widerstands
Crazy Horse wird bei Fort Robinson ermordet. Die Lakota-Banden werden nacheinander in Reservationen gezwungen.
Flucht nach Kanada und Rückkehr
Sitting Bull flieht mit seinen Anhängern nach Kanada. Hunger und Kälte zwingen ihn schließlich zur Rückkehr und Kapitulation.
Landraub durch Gesetz
Der Dawes Act teilt Stammesland in Einzelparzellen auf. „Überschüssiges“ Land wird an weiße Siedler verkauft. Die Lakota verlieren Millionen Acres.
Der Tod des letzten großen Häuptlings
Indianische Polizisten erschießen Sitting Bull bei dem Versuch, ihn zu verhaften. Die Regierung fürchtete seinen Einfluss auf die Ghost-Dance-Bewegung.
Das Ende einer Epoche
Die 7. Kavallerie massakriert rund 300 Lakota-Männer, -Frauen und -Kinder am Wounded Knee Creek. Es ist das letzte große Blutvergießen der Indianerkriege.
Film vs. historische Realität
Wie jede filmische Adaption nimmt auch Bury My Heart at Wounded Knee gewisse Freiheiten mit der historischen Wahrheit. Die wichtigsten Abweichungen und Übereinstimmungen im Überblick:
🎬 Im Film verändert
✅ Historisch akkurat
Das Massaker von Wounded Knee im Film
29. Dezember 1890 – Wounded Knee Creek, South Dakota
Die Darstellung des Massakers im Film verzichtet auf reißerische Gewaltszenen und setzt stattdessen auf eine beklemmende Atmosphäre der Hilflosigkeit. Die Kamera zeigt die Entwaffnung der Lakota unter Big Foot, den einzelnen Schuss, der das Chaos auslöst, und dann das wahllose Feuer der Hotchkiss-Geschütze auf Frauen, Kinder und unbewaffnete Männer. Regisseur Yves Simoneau lässt die Bilder für sich sprechen – und gerade diese Zurückhaltung macht die Szenen unerträglich eindringlich.
⚠️ Historische Kontroverse
Für das Massaker von Wounded Knee wurden 20 Soldaten der 7. Kavallerie mit der Medal of Honor ausgezeichnet – der höchsten militärischen Auszeichnung der USA. Seit Jahrzehnten fordern indigene Organisationen und Unterstützer die Aberkennung dieser Medaillen. Bis heute ist dies nicht geschehen, obwohl der US-Kongress das Ereignis 1990 offiziell als „Massaker“ anerkannte und sich bei den Lakota entschuldigte.
Regie, Produktion und Auszeichnungen
Regisseur Yves Simoneau, ein frankokanadischer Filmemacher mit Erfahrung in historischen TV-Produktionen, schuf mit Bury My Heart at Wounded Knee einen Film, der trotz seines TV-Formats kinoreife Qualität erreicht. Die Dreharbeiten fanden größtenteils in Calgary, Alberta statt – die kanadische Prärielandschaft diente als überzeugender Ersatz für die Dakotas.
| Kategorie | Details |
|---|---|
| Regie | Yves Simoneau |
| Drehbuch | Daniel Giat (nach Dee Browns Buch) |
| Produktion | HBO Films / Wolf Films |
| Musik | George S. Clinton |
| Erstausstrahlung | 27. Mai 2007 (HBO) |
| Budget | Geschätzt ca. 20 Millionen USD |
| Emmy Awards | Gewinner: Bester Fernsehfilm 2007 |
| Weitere Preise | Screen Actors Guild Award (Adam Beach), American Indian Movie Award |
Themen und Bedeutung des Films
Bury My Heart at Wounded Knee ist weit mehr als ein historisches Drama. Der Film verhandelt Themen, die bis heute von brennender Aktualität sind: kulturelle Identität, die Gewalt des Kolonialismus und die Frage, ob „Zivilisierung“ nicht die schlimmste Form der Vernichtung ist.
Kulturelle Identität
Charles Eastmans Zerrissenheit zwischen Lakota-Tradition und westlicher Bildung steht stellvertretend für Generationen indigener Menschen, die in Internaten ihre Kultur verloren.
Systemischer Landraub
Der Film zeigt, wie Gesetze wie der Dawes Act als Werkzeuge der Enteignung dienten – Genozid durch Bürokratie, verkleidet als Fortschritt und Hilfe.
Widerstand und Würde
Sitting Bulls Weigerung, sich zu beugen, wird nicht als Sturheit, sondern als Akt der Würde und des kulturellen Überlebens dargestellt.
Perspektivwechsel
Der Film bricht mit der Hollywood-Tradition, die Westexpansion als Heldengeschichte zu erzählen, und zeigt die Opfer dieser „Manifest Destiny“.
Die Weißen haben viele Dinge, die wir wollen. Aber wir können nicht leben wie die Weißen. Ich war geboren, frei zu sein – frei zu reisen, frei zu rasten, frei zu arbeiten, frei zu handeln nach dem Gesetz meines Volkes. Ich war geboren, ein Lakota zu sein.
— Sitting Bull (August Schellenberg) im Film Bury My Heart at Wounded Knee
Einordnung im Western-Genre
Bury My Heart at Wounded Knee gehört zur Tradition der revisionistischen Western-Filme, die seit den 1970er Jahren das klassische Genre hinterfragen. Während frühe Hollywood-Western die indigenen Völker als Feinde oder Kulisse darstellten, rücken Filme wie dieser die Perspektive der Ureinwohner in den Mittelpunkt.
🎬 Verwandte Filme im revisionistischen Western-Genre
Little Big Man (1970) – Dustin Hoffman erlebt die Indianerkriege von beiden Seiten.
Dances with Wolves (1990) – Kevin Costners Oscar-Gewinner über einen Soldaten, der die Lakota-Kultur annimmt.
Geronimo: An American Legend (1993) – Die Geschichte des Apache-Widerstands.
The New World (2005) – Terrence Malicks poetische Darstellung der Kolonisierung Virginias.
Hostiles (2017) – Christian Bale als Kavallerist, der sein Verhältnis zu den Cheyenne überdenkt.
Das Vermächtnis des Films
Seit seiner Erstausstrahlung im Jahr 2007 hat Bury My Heart at Wounded Knee einen festen Platz in der filmischen Aufarbeitung der amerikanischen Indianerkriege eingenommen. Der Film wird regelmäßig in Schulen und Universitäten eingesetzt und hat dazu beigetragen, das Bewusstsein für die Geschichte der indigenen Völker Nordamerikas zu schärfen.
Bildungswirkung
Der Film wird an amerikanischen und europäischen Hochschulen als Unterrichtsmaterial eingesetzt und hat die Rezeption von Dee Browns Buch bei einer neuen Generation gefördert.
Indigene Repräsentation
Mit Adam Beach und August Schellenberg in den Hauptrollen setzte der Film ein Zeichen für authentische indigene Besetzung – ein Standard, der in Hollywood noch immer nicht selbstverständlich ist.
Politische Relevanz
Der Film erschien zu einer Zeit, in der die Debatte um die Rückgabe indigener Landrechte und die Aufarbeitung des Kolonialismus an Bedeutung gewann – Themen, die bis heute aktuell sind.
Fazit: Ein Film, der unter die Haut geht
Bury My Heart at Wounded Knee ist kein einfacher Film. Er bietet keine einfachen Helden und keine kathartische Erlösung. Stattdessen konfrontiert er sein Publikum mit der unbequemen Wahrheit, dass die Besiedlung des amerikanischen Westens auf der systematischen Vernichtung ganzer Kulturen beruhte. Die herausragenden Darstellungen von Adam Beach und August Schellenberg, die sorgfältige historische Recherche und die zurückhaltende, aber umso wirkungsvollere Inszenierung machen den Film zu einem der wichtigsten Western-Dramen des 21. Jahrhunderts.
Für alle, die sich für die Geschichte des Wilden Westens jenseits der Cowboy-Romantik interessieren, ist dieser Film ein absolutes Muss. Er erinnert daran, dass hinter den Legenden von Frontier und Manifest Destiny reale Menschen standen – Menschen, die ihre Heimat, ihre Kultur und ihr Leben verloren. Und er stellt die Frage, die auch Dee Brown 1970 stellte: Was kostet es eine Nation, wenn sie ihre eigene Geschichte vergisst?
Letzte Bearbeitung am Samstag, 11. April 2026 – 17:19 Uhr von Alex, Webmaster für Google und Bing SEO.
