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Ist der Wilde Westen heute nur noch Kitsch?

Kurz erklärt Darauf gibt es keine gemeinsame Antwort. Der Wilde Westen zieht in Deutschland viele Menschen an: 2026 sahen laut Veranstalter 436.937 Besucher die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg, und der Deutsche Tanzsportverband nennt auf der Seite seines Fachverbands, ohne Datum, etwa 900 Vereine für Country- und Westerntanz. Kritiker sehen darin Nostalgie und Klischees, Veranstalter und Darsteller berufen sich auf Fiktion, Kunst und Gemeinschaft.

Leere, halbrund ansteigende Zuschauerränge vor einer hellen Felswand mit einer hölzernen Blockhütte als Bühnenbild im warmen Licht des späten Nachmittags
Bild: KI-generiert

Was heißt hier Kitsch?

Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) beschreibt Kitsch als abwertendes Wort für ein vorgeblich stilvolles, gehobenes Produkt, das dabei süßlich-sentimental ist und schlechten Geschmack verrät. Nach der Etymologie von Wolfgang Pfeifer ist das Wort seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bekannt und meinte zuerst eine süßliche, unrealistische Richtung der Malerei; seine Herkunft ist unklar.[1] Ob das Wort auf die Begeisterung für den Wilden Westen in Deutschland passt, auf Freilichtbühnen nach Karl May, in Westernstädten, beim Line Dance und bei Hobbyisten, darüber gehen die Stimmen weit auseinander; den Streit um Winnetou von 2022 schildert die Seite Die Winnetou-Debatte 2022.

Wie viele Menschen sehen Karl May auf der Bühne?

Etwa ein Dutzend Bühnen spielen nach Zählung der taz jeden Sommer Stücke nach Karl May.[3, 4] Als bekannteste Bühne nennt die taz die Karl-May-Spiele Bad Segeberg.[4] Am 6. September 2026 endete dort die Spielzeit mit 436.937 Besuchern, dem drittbesten Ergebnis seit 1952. Zum sechsten Mal in Folge kamen mehr als 400.000 Menschen in einer Saison an den Kalkberg.[2] Geschäftsführerin Ute Thienel sagte, man bewege sich "in Regionen, die noch vor wenigen Jahren unvorstellbar waren"; Bürgermeister Toni Köppen verglich die Vorstellungen, bei denen alle Generationen zusammen Spaß hätten, mit einem großen Lagerfeuer.[2]

Daniel Wiese schrieb in der taz im August 2022 nach einem Besuch des Stücks "Der Ölprinz", Karl May habe von Frieden und Völkerverständigung geträumt, doch die Geschichte sei nicht so gewesen, wie sie auf den Karl-May-Bühnen bis heute gezeigt werde. "Klischees" und ein "romantisierendes Bild", die Ravensburger damals den eigenen Winnetou-Büchern vorwarf, ließen sich nach seinen Worten auch den Bad Segeberger Spielen vorhalten.[3] Alexander Klaws, der dort laut taz seit 2019 den Winnetou spielt, sieht das anders.[3] Im taz-Gespräch vom September 2026 sagte er, man erzähle fiktive Geschichten, es sei Kunst; über 445.000 Zuschauer pro Saison zeigten, ob das zeitgemäß sei. Der Veranstalter nannte für 2024 und 2025 jeweils gut 445.000 Besucher.[2] Die Debatte scheine ihm "mehr oder weniger beendet".[12]

Auch andere Bühnen spielen Karl May. Die Landesbühnen Sachsen führen auf der Felsenbühne Rathen "Shatterhand" von Holger Kahl auf, ein Abenteuerstück "im Geiste Karl Mays". Nach ihrer Beschreibung bleibt die Inszenierung von Manuel Schöbel den historischen Gegebenheiten treu, die Livemusik stammt von dem indigenen Komponisten und Musiker Wade Fernandez.[5] Welche Änderungen die kleinen Karl-May-Spiele in Bischofswerda nach 2022 vornahmen, beschreibt die Seite Die Winnetou-Debatte 2022.

Ein Paar abgetragener Westernstiefel aus braunem Leder auf dem glänzenden Holzboden einer Scheunenhalle, darüber warme Lichterketten, ohne Menschen
Westernstiefel auf dem Holzboden einer Tanzhalle Bild: KI-generiert

Was bieten Westernstädte?

Pullman City in Eging am See öffnete am 16. Mai 1997. Grundpfeiler der Westernstadt sind nach Angaben des Betreibers bis heute Schießverbot und Gewaltfreiheit. Das Showprogramm setzte sich von Anfang an aus Comedy, Zauberei, Westernreiten und amerikanischer Geschichte "mit Priorität auf Authentizität" zusammen; nach seiner Darstellung erleben die Besucher die Zeit von etwa 1860 bis 1890.[6] Im Authentikbereich haben Hobbyisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eigene Hütten gebaut und leben dort ihre Leidenschaft ohne Strom und fließendes Wasser.[6] Für 2019 nennt der Betreiber über 450.000 Gäste. Im selben Jahr hatte dort am 11. Mai die Show "Winnetou und der Fluch des Goldes" Premiere, seit 2020 gibt es eigene Karl-May-Spiele.[6] Laut Betreiber ist die Westernstadt auch ein Treffpunkt für Line Dancer, für Western-Paartanz, Rock'n'Roll und Boogie-Woogie.[6]

In der Westernstadt El Dorado in Templin rief Kendall Old Elk aus der Nation der Apsáalooke (Crow) nach einem Bericht der taz ein Native American Weekend ins Leben, bei dem er Tänze seines Volkes zeigte.[4] Wie die Westernstädte in Deutschland entstanden und wo sie liegen, beschreibt die Seite Wilder Westen in Deutschland; wie das Leben in einer echten Stadt des 19. Jahrhunderts aussah, die Seite Leben in einer Westernstadt.

Line Dance: Westerntanz als Vereinssport

Zum Deutschen Tanzsportverband (DTV) gehört seit dem 31. August 2002 der Bundesverband für Country und Westerndance Deutschland (BfCW), als Fachverband mit besonderer Aufgabenstellung.[7] Der Verband unterscheidet drei Bereiche: Square Dance, bei dem ein Caller die Figuren ansagt, Clogging, einen amerikanischen Steptanz, und den eigentlichen Country- und Westerntanz mit Line Dance, Partner Dance und Couple Dance.[7]

Line Dance tanzt jeder für sich, ohne festen Partner, in Reihen hinter- und nebeneinander; eine festgelegte Schrittfolge wiederholt sich bis zum Ende des Liedes, in den Schwierigkeitsstufen Newcomer, Novice, Intermediate und Advanced.[7] Getanzt wird laut DTV neben Countrymusik auch zu lateinamerikanischen Rhythmen, Liedern der 1950er und 1960er Jahre oder zu Rock und Rap. Die Szene wachse seit Jahren; der Verband nennt, ohne Datum, etwa 900 eingetragene Vereine und unzählige Clubs.[7]

Welche Musik und welche Tänze es im Wilden Westen gab, erklärt das Glossar Musik und Tanz von A bis Z.

Hobbyisten und Reenactment: Wer pflegt den Westen in Deutschland?

Nach einem Artikel des Kulturjournalisten Matthias Bischoff für das Goethe-Institut vom Juni 2022 pflegen Hunderte Gruppen in Deutschland die Bräuche des amerikanischen Westens aus der Mitte und dem Ende des 19. Jahrhunderts.[8] Im Bergischen Land bei Bergisch Gladbach zelten nach seiner Beschreibung regelmäßig Anhänger indigener Kulturen an einem Flussufer, in Lagern, die der Verein Trappers Kaltenbroich ausrichtet. Kleidung und Ausrüstung würden so getreu wie möglich hergestellt. Zugleich lebten dort nachgeahmte Haudenosaunee (früher Irokesen genannt) und Crow nebeneinander, die sich in Nordamerika nie begegnet wären.[8] Als Gründe für die Begeisterung nennt Bischoff Karl Mays Winnetou, in den Romanen von James Fenimore Cooper und in der Auswanderung: Bis zum Ersten Weltkrieg verließen immer wieder viele Deutsche das Land, und zahllose Familien hatten Verwandte in den USA.[8]

Nancy Reagin hat in einem Buch Westernfans in Deutschland und den USA seit 1900 untersucht. Ihr Verlag, die University of Iowa Press, fasst das Buch so zusammen: In der Zeit des Nationalsozialismus und in der DDR wurde der amerikanische Westen politisch umgedeutet, und die Vergangenheit, die Fans nachstellen, wird von der jeweiligen Gegenwart geformt.[9] Für die DDR berichtet die taz, die SED habe in den 1970er Jahren Vertreter der Red-Power-Bewegung zu den Weltjugendfestspielen eingeladen und Stoffe über indigene Völker populär gemacht. Nach dem Leipziger Amerikanisten Frank Usbeck, Kurator am Grassi-Museum für Völkerkunde, entstand damals "eine richtige Fankultur", die Amateurethnologen und frühe Umweltgruppen aufgriffen. Von der Wandervogelbewegung bis zu New-Age-Anhängern hätten alle darin etwas Nützliches für sich gefunden.[4]

Der Schriftsteller und Filmemacher Drew Hayden Taylor von der Curve Lake First Nation in Kanada reiste für seinen Dokumentarfilm "Searching for Winnetou" (2018) durch diese Welt. Laut der Ankündigung der TU Dresden, die ihn am 7. November 2022 im Deutschen Hygiene-Museum zeigte, besuchte er die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg, die Hobbyistenszene in Bayern und das Karl-May-Museum in Radebeul und stellte Fragen nach der deutschen Romantik um "Indianer".[10]

Zwei helle Leinenzelte und ein Lagerfeuer mit eisernem Kessel an einem bewaldeten Flussufer in Deutschland im Morgendunst, ohne Menschen
Zeltlager mit Lagerfeuer an einem Flussufer im Morgendunst Bild: KI-generiert

Kitsch oder Geschichtsinteresse: Was sagen die Stimmen?

Die Schriftstellerin Katrin Seddig nannte die Karl-May-Festspiele in der taz im September 2019 einen "Ersatz-Hundertmorgenwald" für Erwachsene: Die Sehnsucht nach kindlicher Unschuld werde als Nostalgie gefeiert, die meisten Besucher wüssten nach ihrer Vermutung, dass es sich um ein Märchen handle, wollten es aber für einen Moment vergessen. Ob das jemandem schade und wem, ließ sie als Frage offen.[11] In demselben Text berichtete sie, die Amerikanistin Mita Banerjee halte Festspiele in dieser Art nicht mehr für möglich.[11]

Robin Leipold, nach der taz Leiter des Karl-May-Museums in Radebeul, sagte der taz 2023, man verteidige Karl May durchaus, vieles müsse man aber hinterfragen, etwa die eurozentrische Perspektive. Klischeehafte Figuren, die früher als Dekoration im Museumsgarten standen, behielt das Museum und stellte sie zu einer Protestgruppe auf; eine trägt ein Schild mit der Aufschrift "Change the Mascot!", nach den Kampagnen indigener Menschen gegen Sportmaskottchen in den USA.[4] Frank Usbeck sagte in demselben Bericht, Museumsleute hätten es leichter als Bühnen, weil das Museum andere Kulturen erklären solle, die Stücke dagegen Abenteuer erzählen wollten.[4]

Survival International hält in den Fragen und Antworten zu ihrer Kampagne "Escaping Winnetou" fest, es gebe indigene Personen, die Karl-May-Festspiele toll fänden und dort mitmachten; es wäre seltsam, wenn Millionen indigene Menschen dieselbe Meinung hätten. Das ändere aber nichts daran, dass Mays Geschichten rassistische Stereotype wie den "edlen Wilden" am Leben hielten.[13] Alexander Klaws berief sich im taz-Gespräch auf Robert Alan Packard, einen in Deutschland lebenden Schauspieler, der laut Klaws zum Yankton Sioux Tribe gehört: Ihn kränke es, wenn Menschen ohne Bezug zum Thema Klischees kritisierten, und es mache ihn wütend, wenn Leute urteilten, ohne das Stück gesehen zu haben.[12] Für Klaws selbst ist der Winnetou "einfach ein Kindheitstraum", den er ausleben dürfe.[12]

Die Sichten im Überblick

Wer den Wilden Westen in Deutschland wie sieht (Auswahl, Stand Oktober 2026)
StimmeWannSicht
Katrin Seddig (taz)September 2019Festspiele als Nostalgie, ein Märchen für Erwachsene[11]
Matthias Bischoff (Goethe-Institut)Juni 2022Hunderte Gruppen pflegen Bräuche des Westens mit großer Gründlichkeit[8]
Daniel Wiese (taz)August 2022Klischees und romantisierendes Bild auch auf der Bühne in Bad Segeberg[3]
Robin Leipold (Karl-May-Museum)2023May verteidigen, aber eurozentrische Sicht hinterfragen[4]
Pullman City (Betreiber)ohne Datumgewaltfreie Westernstadt mit Priorität auf Authentizität[6]
Deutscher Tanzsportverbandohne DatumCountry- und Westerntanz als Sport mit eigenem Fachverband[7]
Alexander Klaws (Winnetou in Bad Segeberg)September 2026fiktive Geschichten, Kunst und Kindheitstraum[12]
Survival InternationalStand Oktober 2026indigene Meinungen verschieden, Stereotype bleiben[13]

Mehr zum Wilden Westen in Deutschland

Häufige Fragen

Was bedeutet Kitsch?

Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache beschreibt Kitsch abwertend als vorgeblich gehobenes, dabei süßlich-sentimentales Produkt schlechten Geschmacks. Das Wort ist seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bekannt und bezeichnete zuerst eine süßliche Richtung der Malerei.

Wie viele Besucher kamen 2026 zu den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg?

Laut Veranstalter sahen 2026 genau 436.937 Menschen das Stück "Im Tal des Todes". Zum sechsten Mal in Folge kamen damit mehr als 400.000 Besucher in einer Spielzeit an den Kalkberg.

Gibt es Line Dance als Sport in Deutschland?

Ja. Der Bundesverband für Country und Westerndance Deutschland gehört seit 2002 als Fachverband zum Deutschen Tanzsportverband. Der DTV zählt zum Country- und Westerntanz Line Dance, Partner Dance, Couple Dance, Square Dance und Clogging.

Was sind Westernhobbyisten?

So heißen Menschen, die in ihrer Freizeit das Leben im amerikanischen Westen des 19. Jahrhunderts nachstellen, oft in Vereinen und Lagern. Laut Goethe-Institut gibt es in Deutschland Hunderte solcher Gruppen; in Pullman City wohnen einige im Authentikbereich ohne Strom und fließendes Wasser.

Wird in Westernstädten wie Pullman City geschossen?

Laut Betreiber nicht. Er nennt Schießverbot und Gewaltfreiheit seit der Eröffnung am 16. Mai 1997 Grundpfeiler des Showprogramms und der Regeln der Westernstadt; schießwütige Cowboys, duellierende Revolverhelden und Banküberfälle hätten dort nichts zu suchen.

Warum lieben so viele Deutsche den Wilden Westen?

Der Kulturjournalist Matthias Bischoff nennt Karl Mays Winnetou, die Romane von James Fenimore Cooper und die Auswanderung vieler Deutscher nach Amerika. Laut Verlagsbeschreibung zeigt Nancy Reagin in ihrem Buch über Westernfans, dass die Vergangenheit, die Fans nachstellen, von der jeweiligen Gegenwart geformt wird.

Quellen

  1. Nachschlagewerk Kitsch (Bedeutung; Etymologie nach Wolfgang Pfeifer). Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS). Stand ohne Datum. abgerufen am 27.10.2026
  2. Saison-Abschluss 2026 (Pressemeldung des Veranstalters). Kalkberg GmbH Bad Segeberg, Karl-May-Spiele. Stand 06.09.2026. abgerufen am 27.10.2026
  3. Shatterhand, Abenteuerstück von Holger Kahl frei nach Karl May (Angaben des Betreibers über sich selbst). Landesbühnen Sachsen GmbH. Stand ohne Datum. abgerufen am 27.10.2026
  4. Die Geschichte von Pullman City: Westernstadt in Bayern (Angaben des Betreibers über sich selbst). PC Westernstadt GmbH & Co. KG, Pullman City. Stand ohne Datum. abgerufen am 27.10.2026
  5. Country und Western: Bundesverband für Country und Westerndance Deutschland e.V. (BfCW). Deutscher Tanzsportverband e. V. (DTV). Stand ohne Datum. abgerufen am 27.10.2026
  6. Presse Matthias Bischoff: The Fascination of the Wild West. I Left My Heart on the Prairie. Goethe-Institut USA. Stand Juni 2022. abgerufen am 27.10.2026
  7. Searching for Winnetou: Eine indigene Perspektive auf eine deutsche Erfindung, 7.11.22, Deutsches Hygiene-Museum Dresden (Veranstaltungshinweis). Technische Universität Dresden, Institut für Anglistik und Amerikanistik. Stand Oktober 2022. abgerufen am 27.10.2026
  8. Escaping Winnetou (Kampagnenseite). Survival International Deutschland e. V.. Stand ohne Datum. abgerufen am 27.10.2026
  9. Karl-May-Spiele 2027: Freilichttheater Pullman City (Angaben des Veranstalters über sich selbst). PC Westernstadt GmbH & Co. KG, Pullman City. Stand ohne Datum. abgerufen am 27.10.2026

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