Indigene Völker NordamerikasThema

Der Traumfänger

Kurz erklärt Ein Traumfänger ist ein Ring mit einem Netz wie ein Spinnennetz. Er wird den Ojibwe (Anishinaabe) an den Großen Seen zugeordnet: Frances Densmore beschrieb 1929 solche Netze an Kinderwiegen, die alles Böse fangen sollten. Heute hängt er bei vielen Ojibwe-Familien über dem Bett, damit er böse Träume festhält; längst wird er auch als Andenken verkauft.

Stiller See zwischen Birken und Nadelbäumen an einem felsigen Ufer der Großen Seen im warmen Licht des späten Nachmittags
Bild: KI-generiert

Was ist ein Traumfänger?

Ein Traumfänger ist ein Ring, in den ein Netz wie ein Spinnennetz gewoben ist. Der Duden beschreibt ihn als einen Gegenstand ähnlich einem Mobile, ursprünglich bei einigen indigenen Bevölkerungsgruppen Nordamerikas, den man am Schlafplatz aufhängt, um böse Träume zu verhindern.[8]

Die Great Lakes Indian Fish and Wildlife Commission (GLIFWC), die Ojibwe-Nationen 1984 gründeten und die heute elf Ojibwe-Nationen dient, stellte im Winter 2024/2025 auf der Kinderseite ihrer Publikation Mazina'igan ein Kinderbuch von James Vukelich Kaagegaabaw vor. Bei vielen Ojibwe-Familien hängt danach traditionell ein Traumfänger über dem Bett. Die Kinderseite erklärt es so: Nachts verfängt der Traumfänger die bösen Träume in seinem Netz und lässt die guten zum Schlafenden hinabrinnen; morgens verbrennen die bösen Träume im ersten Sonnenlicht.[2, 3]

Auf Ojibwe heißt der Traumfänger nach der GLIFWC izhi'on, übersetzt "ceremonial charm", also etwa zeremonielles Amulett. Die Seite nennt dazu bawaajige (er oder sie träumt) und asabikeshiinh, die Spinne.[2] Asabikeshiinh steht auch im Ojibwe People's Dictionary der University of Minnesota als Wort für Spinne.[4]

Spinnennetz voller Tautropfen zwischen dünnen Zweigen am Waldrand, von der tief stehenden Sonne von hinten beleuchtet
Spinnennetz mit Tau im Gegenlicht Bild: KI-generiert

Woher kommt der Traumfänger?

Der Traumfänger wird den Ojibwe zugeordnet.[1, 2, 7] Nach der White Earth Nation in Minnesota nennt sich die größte indigene Gruppe des Bundesstaates selbst Anishinaabe, "die ursprünglichen Menschen"; Europäer nannten sie Ojibwe, und in den USA bevorzugen viele Angehörige den Namen Chippewa.[11] Die Mille Lacs Band of Ojibwe begrüßt auf ihrer Website mit "Boozhoo" und führt einen eigenen Bereich "Anishinaabe".[5] Die elf Ojibwe-Nationen der GLIFWC jagen, fischen und sammeln nach Rechten, die sie sich in Verträgen der Mitte des 19. Jahrhunderts vorbehalten haben, in einem abgetretenen Gebiet in Wisconsin, Michigan und Minnesota.[3]

Die älteste Beschreibung unter den Quellen dieser Seite stammt von Frances Densmore. Sie begann 1905 mit Studien bei den Ojibwe, die sie wie viele Quellen ihrer Zeit Chippewa nannte; für das Bureau of American Ethnology der Smithsonian Institution untersuchte sie seit 1907 die Musik der Ojibwe. Das Material ihres Buchs sammelte sie bis 1925 in den Reservaten White Earth, Red Lake, Cass Lake, Leech Lake und Mille Lacs in Minnesota, Lac Courte Oreilles in Wisconsin und Manitou Rapids in Ontario (Densmore schreibt Mille Lac und Lac Court Oreilles). 1929 erschien ihr Buch "Chippewa Customs".[1]

Die Smithsonian Libraries fassen das Buch von Cath Oberholtzer über Traumfänger aus dem Jahr 2012 so zusammen: Die Schutzamulette sollten böse Träume "fangen" und Kinder vor Krankheit und bösen Geistern bewahren, sie standen für die Hoffnung der Ojibwe-Gemeinschaft auf die nächste Generation.[7]

Was Frances Densmore 1929 beschrieb

An den Bügel über einer Kinderwiege hängten die Ojibwe nach Densmore drei Arten von Dingen: Amulette, das Geschenk der Person, die dem Kind den Namen gab, und Spielzeug wie kleine weiße Muscheln oder Kegel aus Birkenrinde. Meist hingen dort auch zwei Netze, die Spinnennetze darstellten.[1]

Sie fangen alles Böse, so wie ein Spinnennetz alles fängt und festhält, was mit ihm in Berührung kommt.

Überlieferte Aussage über die Netze an der Wiege, aufgezeichnet von Frances Densmore, Chippewa Customs, 1929, S. 52 Übersetzung der Redaktion[1]

Die Netze bestanden aus Holzreifen von etwa 3,5 Zoll (rund 9 Zentimeter) Durchmesser, in die ein nachgeahmtes Spinnennetz geknüpft war. Früher war das Netz aus Garn von Nesselstängeln und mit dem Saft der Blutwurz (englisch bloodroot) und der inneren Rinde der Wildpflaume dunkelrot gefärbt, später aus dunkelrotem Garn.[1] An einer zweiten Stelle des Buchs zählt sie die Netze zu den Schutzamuletten, mit denen schon Säuglinge ausgestattet wurden: Sie fingen, so hieß es, jedes Unheil, das in der Luft sein mochte.[1]

Weiße Blüten der Blutwurz zwischen jungen Blättern auf dem Waldboden, daneben ein blühender Wildpflaumenzweig im milden Licht eines Frühlingsnachmittags
Blutwurz (bloodroot) und Wildpflaume, aus denen früher die rote Farbe für die Netze kam Bild: KI-generiert

Densmore verglich die Netze mit einem ähnlichen Amulett der Pawnee, bei dem das Netz die Spinnenfrau darstellte, eine Gottheit, die über die Bisons gebot.[1] Von Träumen spricht sie an beiden Stellen nicht. Träume spielen in ihrem Buch an anderer Stelle eine Rolle: Die Ojibwe gaben Kindern Namen aus Träumen, und kleine Abbilder von Gegenständen aus Träumen hingen ebenfalls an der Wiege.[1] Mehr über Träume und Visionen steht auf der Seite Visionssuche, Träume und Visionen.

Vom Wiegenamulett zum Andenken

Das National Museum of the American Indian (NMAI) der Smithsonian Institution verwahrt einen Traumfänger, der zwischen 1970 und 1980 entstand. Das Museum ordnet ihn vermutlich der Region der Großen Seen zu und führt ihn als Ware, die zum Verkauf gemacht wurde, also als Andenken. Er besteht aus Holz, Lederriemen, Glasperlen, Sehnen, Metallkegeln und Federn und misst 20,5 mal 8,8 Zentimeter. Ein Sammler, Raymond J. Ryan, besaß ihn; seine Schwester Agnes Murphy schenkte ihn 1992 dem Museum.[6]

Das Inhaltsverzeichnis in der Katalogaufnahme nennt für Oberholtzers Buch Abschnitte über die Begeisterung für "Indianer", über Vermarktung sowie über Künstler und Hersteller. Nach der Zusammenfassung der Smithsonian Libraries geht es auch darum, wie die New-Age-Bewegung sich den Traumfänger aneignete.[7]

Die Kinderseite der GLIFWC rät Kindern, die selbst ein izhi'on weben wollen, ein Mitglied der Nation oder eine ältere Person aus ihrer Gemeinschaft zu bitten, ihnen die überlieferten Materialien und Fertigkeiten zu zeigen.[2] Welche Wörter für indigene Menschen üblich und welche strittig sind, erklärt die Seite Darf man "Indianer" sagen?

Echt oder gefälscht: Was das US-Recht sagt

In den USA gilt der Indian Arts and Crafts Act von 1990 (Public Law 101-644). Er verbietet, Kunst oder Kunsthandwerk so anzubieten oder zu verkaufen, dass der falsche Eindruck entsteht, es stamme von Native Americans, von einer bestimmten Person oder Nation. Als Native American im Sinn des Gesetzes gilt, wer Mitglied einer vom Bund oder einem Staat anerkannten Nation ist oder von einer Nation als Kunsthandwerker zertifiziert wurde. Einer Einzelperson drohen beim ersten Verstoß bis zu 250.000 Dollar Geldstrafe oder fünf Jahre Haft oder beides, einem Unternehmen bis zu 1.000.000 Dollar. Das gilt nach dem Gesetzestext (18 U.S.C. § 1159, Fassung von 2010) für wissentliche Verstöße mit Ware ab 1.000 Dollar; unter 1.000 Dollar sind es bis zu 25.000 Dollar Geldstrafe und ein Jahr Haft, für Unternehmen bis zu 100.000 Dollar, und wer erneut verstößt, riskiert bis zu 15 Jahre Haft.[12] Für das Gesetz zuständig ist das Indian Arts and Crafts Board des US-Innenministeriums.[9, 10]

Jasmine Battle aus Maryland verkaufte nach Angaben des Indian Arts and Crafts Board etwa von 2013 bis 2020 in einem Onlineladen Traumfänger als "Authentic Cherokee dreamcatchers", obwohl sie nicht als Mitglied einer Nation eingetragen war. Das Board meldete am 17. März 2025, sie habe sich schuldig bekannt und 24 Monate Bewährung sowie 2.500 Dollar Geldstrafe erhalten. Bei der Durchsuchung stellten die Ermittler des U.S. Fish and Wildlife Service auch Federn von Vögeln sicher, die nach dem Migratory Bird Treaty Act geschützt sind.[10] Welche Regeln für Federn geschützter Vögel gelten, steht auf der Seite Adlerfedern: Bedeutung für indigene Völker und Recht.

Zeitleiste: der Traumfänger in den Quellen

Zeitleiste: Der Traumfänger in den Quellen
  1. 1907Frances Densmore beginnt für das Bureau of American Ethnology die Erforschung der Musik der Ojibwe, die sie Chippewa nennt.[1] Ojibwe
  2. 1925Bis 1925 sammelt Densmore in Reservaten in Minnesota, Wisconsin und Ontario das Material für ihr Buch.[1] Ojibwe
  3. 1929Densmores Buch "Chippewa Customs" beschreibt Netze wie Spinnennetze, die an der Kinderwiege alles Böse fangen sollen.[1] Ojibwe
  4. 1970Zwischen 1970 und 1980 entsteht ein Traumfänger als Verkaufsware, den heute das National Museum of the American Indian verwahrt.[6]
  5. 1984Ojibwe-Nationen gründen die Great Lakes Indian Fish and Wildlife Commission.[3] Ojibwe
  6. 1990Der Indian Arts and Crafts Act verbietet in den USA, Kunsthandwerk fälschlich als Arbeit von Native Americans anzubieten.[9]
  7. 1992Agnes Murphy schenkt den Traumfänger aus der Sammlung ihres Bruders Raymond J. Ryan dem National Museum of the American Indian.[6]
  8. 2012Cath Oberholtzer veröffentlicht ihr Buch über Traumfänger, ihre Herkunft und ihre Vermarktung.[7]
  9. 2013Von etwa 2013 bis 2020 verkauft Jasmine Battle aus Maryland Traumfänger fälschlich als Arbeit der Cherokee.[10]
  10. 17.03.2025Das Indian Arts and Crafts Board meldet die Verurteilung von Jasmine Battle zu 24 Monaten Bewährung und 2.500 Dollar Geldstrafe.[10]

Mythos und Wahrheit

Mehr zu Glauben und Kultur der indigenen Völker

Häufige Fragen

Was bedeutet ein Traumfänger?

Nach der Kinderseite der Great Lakes Indian Fish and Wildlife Commission, die ein Kinderbuch von James Vukelich Kaagegaabaw vorstellt, verfängt der Traumfänger nachts die bösen Träume in seinem Netz und lässt die guten zum Schlafenden durch. Am Morgen verbrennen die bösen Träume im ersten Sonnenlicht.

Woher kommt der Traumfänger?

Er wird den Ojibwe zugeordnet, die sich selbst Anishinaabe nennen und an den Großen Seen in den USA und Kanada leben. Frances Densmore, die für das Bureau of American Ethnology forschte, beschrieb 1929 die Netz-Amulette, die bei den Ojibwe an der Wiege der Kinder hingen.

Wie heißt der Traumfänger auf Ojibwe?

Die Great Lakes Indian Fish and Wildlife Commission nennt das Wort izhi'on und übersetzt es mit "ceremonial charm", also etwa zeremonielles Amulett. Asabikeshiinh heißt die Spinne, nach deren Netz der Traumfänger gewoben ist.

Wo hängt man einen Traumfänger auf?

Densmore beschreibt zwei Netze am Bügel über der Kinderwiege. Heute hängt bei vielen Ojibwe-Familien ein Traumfänger über dem Bett, und der Duden nennt den Schlafplatz als Ort.

Darf man Traumfänger als indianisch verkaufen?

In den USA nur, wenn ein Mitglied einer anerkannten Nation oder ein von ihr zertifizierter Kunsthandwerker ihn gemacht hat. Das verlangt der Indian Arts and Crafts Act von 1990. Eine Frau aus Maryland, die Traumfänger fälschlich als Arbeit der Cherokee verkauft hatte, erhielt laut einer Meldung vom März 2025 zwei Jahre Bewährung und 2.500 Dollar Geldstrafe.

Was hat der Traumfänger mit Spinnen zu tun?

Sein Netz ahmt ein Spinnennetz nach. Densmore schrieb 1929, die Netze an der Wiege fingen alles Böse, so wie ein Spinnennetz alles festhält, was hineingerät.

Quellen

  1. Primärquelle Frances Densmore: Chippewa Customs (Bulletin 86 des Bureau of American Ethnology), S. 1 bis 2, 51 bis 52 und 113. Smithsonian Institution, Government Printing Office; Digitalisat im Internet Archive (Princeton Theological Seminary Library). Stand 1929. abgerufen am 24.10.2026
  2. Tribal Nation Kid's Page: Wisdom Weavers. Learn about Dream Catchers with James Vukelich Kaagegaabaw (Mazina'igan, S. 21). Great Lakes Indian Fish and Wildlife Commission (GLIFWC). Stand Winter 2024/2025. abgerufen am 24.10.2026
  3. Tribal Nation About. Great Lakes Indian Fish and Wildlife Commission (GLIFWC). Stand ohne Datum. abgerufen am 24.10.2026
  4. Nachschlagewerk asabikeshiinh (Eintrag). Ojibwe People's Dictionary, University of Minnesota. Stand ohne Datum. abgerufen am 24.10.2026
  5. Tribal Nation Welcome (Startseite). Non-Removable Mille Lacs Band of Ojibwe. Stand ohne Datum. abgerufen am 24.10.2026
  6. Museum Dreamcatcher, Katalognummer 25/3760. Smithsonian, National Museum of the American Indian. Stand ohne Datum. abgerufen am 24.10.2026
  7. Museum Cath Oberholtzer: Dream catchers. Legend, lore and artifacts (Katalogeintrag mit Inhaltsangabe). Smithsonian Libraries and Archives. Stand 2012. abgerufen am 24.10.2026
  8. Nachschlagewerk Traumfänger. Duden online. Stand ohne Datum. abgerufen am 24.10.2026
  9. Amtliche Stelle The Indian Arts and Crafts Act of 1990. Indian Arts and Crafts Board, U.S. Department of the Interior. Stand ohne Datum. abgerufen am 24.10.2026
  10. Amtliche Stelle Maryland Artist Sentenced for Indian Arts and Crafts Act Violations. Indian Arts and Crafts Board, U.S. Department of the Interior. Stand 17.03.2025. abgerufen am 24.10.2026
  11. Tribal Nation Culture. White Earth Nation. Stand ohne Datum. abgerufen am 25.10.2026
  12. Gesetz und Vertrag 18 U.S. Code § 1159: Misrepresentation of Indian produced goods and products. Legal Information Institute, Cornell Law School (U.S. Code). Stand Fassung nach Pub. L. 111-211 vom 29.07.2010. abgerufen am 26.10.2026

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